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Fremde Gefühle

Fremde Gefühle


Seinen warmen Duft in der Nase, schlief ich zufrieden ein ... es war wunderbar in Laurins Armen einzuschlafen. Der darauf folgende Schlaf war immer besonders tief und wohlig.

Doch wo ich erwachte war mir zuerst nicht bewusst. Es war dunkel und eng und sein Duft war fort. Er war fort. Wo war ich? Ich tastete aus Gewohnheit nach meinem Nachtlicht ... und schlug hart mit den Fingern an, überrascht von einer Wand, die knappe zehn Zentimeter von meinem Kopf entfernt war. Wo, verdammt, war ich? Nicht in meinem Zimmer, nicht in meinem Bett. Die Wand fühlte sich seltsam glatt, kühl und doch weich an. Wie Satin ...

Bei dem Anstoß musste ich mir einige Fingernägel abgebrochen haben, doch der Schmerz war schon verklungen.

Vorsichtiger diesmal tastete ich um mich  her. Überall um mich war Satin! Über mir, unter mir, neben mir! Das war ... das konnte doch nicht! Es war eng wie in einer Kiste ... nein. Scheinbar befand ich mich noch immer in einem Albtraum. Das konnte nicht sein ... und dann überfiel mich Panik. Die Luft würde nicht mehr lange reichen ... was sollte ich nur tun? Im ersten Moment wurde diese Panik so schlimm, dass ich den Sinn für oben und unten verlor. Was um alles in der Welt sollte ich tun? Wie sollte ich hier herauskommen? Aus einem Sarg? Meinem Sarg?

Und wie kam es, dass ich offenbar für tot gehalten wurde? Oder war das alles ein schlechter Scherz? Ich hatte doch nur geschlafen ...

Statt mir darüber den Kopf zu zerbrechen, sollte ich lieber zusehen, wie ich hier herauskäme! Sonst würde ich hier binnen Minuten elendig ersticken!

Ganz ruhig! Keine Panik! Durchatmen! Ruhe bewahren! Logisch denken! Das redete ich mir ein, um dann doch mit einem Aufschrei doch in Panik und mit großer Kraft gegen den Sargdeckel stieß.

Wider jegliches Erwarten krachte es leise.

Ein zweiter Hieb und Erde drang herein. Ich musste Husten und begann zugleich kopflos und in großer Panik zu buddeln. Im Nachhinein weiß ich weder, wie ich das schaffen konnte, noch wie ich es tatsächlich schaffte. Irgendwann war ich an der frischen Luft. Frei! Befreit aus einem Gefängnis, von dem ich nicht wusste, wie ich hereingekommen war. Wieder stürmten tausend Fragen auf mich ein, schlimmer als zuvor.

 Ich war auf dem Nordfriedhof, fernhin konnte ich die Kuppel der Kappelle schwarz auf dem dunklen Nachthimmel erkennen. Immer wieder fragte ich mich, wie ich dorthin gekommen war. Was war geschehen?
Ich begann meinen Körper zu untersuchen, doch ich konnte nichts erkennen. Keine Wunde, nichts. Was war mit mir geschehen? Und doch, etwas war anders.

Es war Neumond. Dennoch konnte ich sehen, als ob Vollmond wäre. Und ich fühlte mich ganz und gar nicht, als ob ich mich grade aus zwei Metern Tiefe gebuddelt hatte. Im Gegenteil, ich fühlte Kraft in mir fließen.

Wie viel Zeit war überhaupt vergangen? Endlich kam ich auf den Gedanken, mich zum Kopfende des Grabes umzudrehen. Das Holzkreuz mit meinem Namen brachte erst die gesamte Absurdität meiner Situation zu Bewusstsein. Schwindel erfasste mich und ich musste mich auf den Grabstein der Reihe hinter mir setzen. Übelkeit wallte in Schüben in mir auf. Das. Konnte. Nicht. Sein.

 

Vielleicht wusste Laurin etwas! Auch auf die Gefahr hin, ihn zu Tode zu erschrecken, ich musste zu ihm! Als ich aufstand, taumelte ich, obwohl eigentlich Stärke in meinen Adern toben fühlte. Ich war für tot gehalten worden!

 

Als ich an Laurins Wohnungstür klingelte, überkam mich erneut Panik und ich wusste nicht einmal genau, weshalb. Er öffnete und wie erwartet, wurde er kreidebleich. Er brauchte mehrere Minuten, lange Minuten, um sich zu fassen. Er sagte kein Wort. Er starrte mich an wie einen Geist und das musste ich ja auch für ihn sein. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Es war mir egal, ob ich schmutzig war. Es war mir egal, ob er mich für tot hielt, ich fiel ihm in die Arme.

„Laurin!“

 Als er immer noch wie erstarrt war, flüsterte ich: „Laurin, Laurin, Laurin, was ist geschehen?“ Er regte sich nicht! Es war, als wäre er tot! Er sagte nichts, er tat nichts ... ich konnte nicht mehr anders, ich schrie ihn an: „Laurin! Verdammt! Was ist geschehen? Wie komme ich in einen Sarg? Wie!“ Ich fasste ihn an den Schultern und wollte ihn schütteln, als er sich endlich fasste.

„Du ... bist tot ...“, flüsterte er.

„Nein, das bin ich nicht! Ich wurde lebendig begraben.“ Ich war erstaunt über die Nüchternheit, mit der ich das sagen konnte. Er sah mich an und ich dachte schon, dass er wieder in seine Starre fallen würde. Dann schlang er endlich die Arme um meinen Hals und weinte. Ich hatte ihn nie zuvor weinen sehen ... Normalerweise hätte es mich angerührt, doch diesmal kamen keine Tränen in meine Augen. Es ging nicht.

Ich bemerkte, dass sein Haar nicht frisiert war und er nicht rasiert war. Trotz der späten Stunde, der Nachtzenit war längst überschritten, war er noch angezogen. Seine Kleidung sah aus, als hätte er nicht nur eine Nacht darin verbracht.

Ein Blick auf den Kalender ließ mich selbst in seinen Armen schaudern. Ich hatte noch das Datum meines Grabkreuzes vor Augen. Ich war von zwei, drei Tagen ausgegangen, ich hatte schon einmal irgendwo gelesen, dass Scheintote nach dieser Zeit erwachen konnten. Doch ich traute meinen Sehorganen nicht, als ich sah, dass ich seit vierzehn Tagen tot war ... nein, natürlich nicht tot war, sondern … ja, was war nur geschehen?

 

Irgendwann war sein Tränenfluss versiegt und er hatte ein Dutzend Mal „Das kann nicht sein ...“ gemurmelt. Wir saßen auf seiner mit Erinnerungen überladenen Couch und er begann, stockend zu erzählen.

„Ich erwachte irgendwann davon, dass du laut und panisch atmetest. Ich ... ich wusste nicht, was ich tun sollte ... es tut mir leid ... ich hab es einfach nicht gewusst! Und dann hörte dein Atem auf! Die Ärzte sagten, es war ein Herzstillstand ... sie sagten, das sei selten, aber würde geschehen ...“ Er lehnte seinen Kopf an meine Schulter. Ich war verstört. Nur noch verstört. Was war geschehen? Wieso war ich wieder erwacht? Wie konnte das sein? Ich hatte immer gedacht, die moderne Medizin sei dazu in der Lage, den Tod mit Sicherheit festzustellen.

„Du siehst anders aus“, sagte er leise.

„Inwiefern?“, murmelte ich.

„Du bist so blass, als fließe gar kein Blut mehr durch deine Adern ... Und deine Haut ist so kalt!“

Ich konnte die Verstörung nicht mehr aushalten. Ich lief davon. Ich konnte nicht anders. Nicht ich, Laurin schien sich verändert zu haben. Nein, meine Sichtweise auf ihn schien sich geändert zu haben … ich weiß es nicht. Es verwirrt mich noch heute. Die fünf Stockwerke die Treppen hinab. Sein Ruf folgte mir.

Auf der Straße spürte ich ihn. Er verfolgte mich, als ich ziellos durch die Straßen hetzte, wie ein gejagtes Tier. Blicke aus den Augenwinkeln verrieten mit, dass er ein Mann mit einem langen schwarzen Mantel war. Ich beschloss, eilends zu Laurin zurückzukehren. Der Mann machte mir Angst. Und in diesem Moment sprach er mich an.


„Du kannst mich spüren, nicht? So, wie ich dich“, sagte er. Meine Verwirrung steigerte sich ins Unermessliche. Was nur wollte dieser Mann? Ich wollte weglaufen, doch ich konnte nicht. Vielleicht war es ja auch einfach nur Neugier. Vielleicht konnte ich auch einfach noch nie Gefahren einschätzen.

„Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte er, als wären wir in einen Film geraten, fuhr aber sofort fort: „Du bist verwirrt. Ich weiß es. Jeder von uns kennt dieses Gefühl.“ Uns?  „Dadurch, dass du dich aus deinem Grab befreien konntest, hast du dich sozusagen bewiesen und dir unsere Hilfe verdient. Du bist jetzt wirklich eine von uns.“

 „Uns?“

 „Ja. Unsere Existenz wird verschwiegen ...“
„Was sind ‚wir‘?“, fragte ich atemlos. „Ich weiß, es klingt bescheuert. Eine Art Vampire:“ Es klang bescheuert. Ich wollte mich abwenden und lachen. Aber ich konnte nicht. Er sprach weiter. „Es ist eine Krankheit. Wir sterben, werden begraben und wachen wieder auf. Und sind ... anders als zuvor. Ich weiß, das klingt absolut unglaublich.“

 

Der Mann erklärte mir noch so einiges über diese seltsame Krankheit und jetzt weiß ich nicht mehr, was ich tun soll. Ich lebe, doch ich bin verdammt. Ich muss niemanden töten, aber jemandes Blut trinken. Deshalb kann ich nicht zurück zu Laurin, so sehr ich es will. Ich mag ihn nicht verletzen oder aussaugen. Der Mann im Mantel, Renard, sagte mir, dass er zum Beispiel eine „Blutbeziehung“ führe, seine Frau eingeweiht war und ihm die nötigen Tropfen Blut gebe. Ich habe Angst, zuviel zu trinken. Ich will Laurin nicht versehentlich töten und ich will ihn nicht aussaugen! Doch will ich nur zu ihm zurück. Wo soll ich hin? Welcher Fluch war da in meinen Genen verborgen gewesen und hatte über Generationen geschwiegen?

22.3.12 12:03


Grabwächter

Informationen: Länge: 2.212 Wörter, ca. 4 Seiten

 

Der späte Nachmittag fiel mit schrägen orangeroten Sonnenstrahlen auf den Stadtfriedhof Ergelerbach. Die Bäume, die die Gräber säumten, ließen bereits die ersten herbstlichen Blätter fallen und es war still.
Nur einige Vögel sangen, doch die störten die tiefe, tröstende Ruhe weiter nicht, die so manchen Spaziergänger überkam. Ein Blick in die marmornen Gesichter der Figuren, der in Stein manifestierten Trauer und lindernde Ruhe half, für einen Moment den eigenen Schmerz zu vergessen.
Vielleicht war es auch die überwältigende Schönheit, die so manchen Spaziergänger gerade an diesem Grab innehalten ließ, der auf fast grausame Weise anrührende Schmerz, den der Steinmetz im Gesicht dieses Engels so überaus lebendig eingefangen hatte.
Das Grab jedoch, auf das dieser Engel herabblickte, war verwahrlost und fast überwuchert von Efeu und Buchsbaum. Der verwitterte Grabstein verwies auf Lebensdaten, die mehr als 200 Jahre zurücklagen. Zwei Personen, die am selben Tag gestorben waren. Doch dafür hatte kaum jemand einen Blick.
Vielmehr löste der Baum, der neben dem Grab stand, Erstaunen aus, denn so einen, darüber war man sich einig, hatte man noch nicht gesehen.
Von ihm löste sich nun ein wulstiges Blatt und fiel dem Engel auf die Schulter. Doch auch in der Stille des vom Stadtlärm abgeschirmten Gottesackers fiel das leise Zischen, das der Cherub daraufhin von sich gab, kaum auf.



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28.7.07 00:44


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