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Kassandraschreie

Der folgende Text ist nicht typisch für mich. Es ist ein historischer Krimi, den ich vor einem Jahr bei einem Krimiwettbewerb eingereicht habe. Ich hoffe, er gefällt trotzdem.

 

 

„Verdammt!“ Mike Polkioff fluchte. Dass ihm das aber auch passieren musste! Gerade ihm.
Auch die anderen Männer, die zusammen mit Mike das tonnenschwere Stahlteil getragen hatten, schimpften. Das vermaledeite Biest war ihm aus den Händen gerutscht und hatte sich zentimetertief in den schlammigen Boden gebohrt. Wenn es sich verbogen hatte, wäre das eine Katastrophe! Wenn der Space Shark nicht fahren konnte, eine neue finanzielle Krise. Der „Shark“ war die Hauptattraktion auf dem diesjährigen Arolser Viehmarkt, das Standgeld war teuer gewesen, der Kredit für das Karussell der Superlative noch nicht zurückgezahlt. Sein Vater würde ihn erschlagen!
Vincent, ein Mann von Mitte fünfzig und bester Freund seines Vaters kam hinzu und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Komm, Junge, wir ziehen es raus, es wird schon nicht so schlimm sein. Los, pack an!“
Mit vereinten Kräften zogen sie es heraus. Zum Glück war das Teil heil geblieben. Oder doch nicht? In dem Loch schimmerte etwas weißlich.
Mikes Neugier gewann die Oberhand. Er blickte sich um. Nebenan waren zwei Männer damit beschäftigt, über der Seitentür der Reithalle ein Schild mit dem Namen des Festwirtes anzubringen Sie wandten ihm den Rücken zu. Weiter entfernt im Gerüst des Riesenrades turnten etliche Männer geschickt wie Affen im Gestänge herum. In der allgemeinen Hektik, den Jahrmarkt rechtzeitig aufgebaut zu bekommen, achtete niemand auf ihn. Während die anderen das Stahlteil mit Vincent forttrugen, grub er den hellschimmernden Gegenstand aus. Es war ein vergilbter menschlicher Schädel...

 


Die uralte Sintitsa steckte den Kopf aus der Tür ihrer Wohnkutsche, einem bunt bemalten und mit Schnitzereien verzierten, dreiachsigen Karren. Sie war die weise Frau ihrer Sippe, die Älteste, und auf dem Viehmarkt weissagte sie den Leuten die Zukunft. Ihr Name war Alina.
Niemand hier hätte freiwillig zugegeben, zu der alten Zigeunerin zu gehen, doch Alina kannte die Geschichten der meisten Höfe und Geschäfte in der Gegend. Den ganzen Tag hatten sich die Leute die Klinke in die Hand gegeben, doch jetzt war es spät geworden, spät und ruhig, die Straßen hatten sich geleert. Dann und wann hörte man noch lautes Geschrei aus den Zelten und Gaststuben wo die Bauern und Händler ihre gelungenen Handelsabschlüsse feierten.
Ein einzelner Mann eilte an Alinas Wagen vorbei, er war jung und sehr gut gekleidet, im dunkelbraunen Rock, Hemd und Hut. Etwas an seinen Bewegungen sagte Alina, dass er sich für gewöhnlich nicht so hastig und gehetzt bewegte, sondern von katzenhafter Geschmeidig-keit war. Er blickte sich immer wieder um.
Alina erschauerte und schloss rasch die Tür hinter sich. Sie strich sich mit beiden Händen über die Gänsehaut an den Oberarmen.
Im Nacken des Mannes dräuten sich Unglück und Tod zusammen, sie folgten ihm wie ein zorniger Bienenschwarm.
Heute Nacht noch...

Daniel zog die Schultern hoch, als fröre er in der warmen Hochsommernacht. Ohne auf seine Umgebung zu achten, hastete er weiter.
Dann blickte der junge Detektiv am dunklen Gestänge des Riesenrades empor, als fände er dort Hoffnung. Gestern, nun am vergangenen Abend, hatten alle Lichter gefunkelt und er hatte dort oben mit Katharina gesessen. Da waren ihm seine Arbeit und der Eklat in seiner Heimatstadt Korbach weit weg vorgekommen. Jetzt schien ihm der wunderbare Abend mit der liebreizenden Kaufmannstochter, als hätte er in einer anderen Zeit, in einem anderen Leben stattgefunden.
Wenn dies hier schief ging, würden sie einander nie wiedersehen. Sollte ihr Glück wirklich so kurz gewesen sein?
Nervös fuhr er über das Revers seines dunkelbraunen Gehrocks, dann nestelte er seine neue Uhr aus der Tasche der Weste hervor. Kurz vor zwei. Gleich würden sie da sein.
Würde er die Auskunft, die er so dringend benötigte, bekommen, wenn er nur genügend Geld bot? Würde sein Schauspiel auffliegen?
Und wenige Augenblicke, bevor sich die beiden Schüsse krachend lösen und sein Rückenmark und sein Herz durchbohren würden, wusste er plötzlich, dass er verraten worden war und dass es vorbei war. Er hatte gleich bei seinem ersten Auftrag ohne Schartmann, seinen Meister, versagt.

Hartwig Bremer, der Schutzmann, beugte sich über den Toten. Der dunkelbraune Hut war im Sturz vom Kopf der Leiche gerutscht und lag ein Stück abseits. Gabriel, der Gehilfe des Wachtmeisters, bemühte sich, diesen Hut anzustarren. Er brachte es nicht über sich, den erschrockenen Ausdruck auf dem jungen glatten Gesicht und das viele Blut anzusehen. Er war nur wenige Jahre älter als Gabriel selbst gewesen. Anfang zwanzig vielleicht. Gabriel spürte Übelkeit in sich aufsteigen.
„Komm näher und mach dir nicht gleich in die Hose!“, raunzte Bremer ihn an. „Er beißt dich schon nicht.“
Widerwillig trat der junge Mann näher. Die Gesichtszüge waren so glatt, so jung. Warum hatte er sterben müssen?
„Dreh ihn um!“ Nein! Das konnte er nicht!
Doch sein Gehorsam war stärker als sein Ekel – was in diesem Fall schon einiges aussagen wollte. Mit zitternden Händen tat er, wie ihm geheißen.
Im Schein der Petroleumlampe, die ihnen ein Zigeuner gebracht hatte, glänzte der Rücken des Rockes nass vom Blut. Das feine Gewebe war zerfetzt an den Stellen, wo die Kugeln eingetreten waren und der Gestank des Blutes war mehr als Gabriel ertragen konnte. Würgend wandte er sich ab. Noch nie zuvor hatte er einen Toten gesehen. Noch nie war er solcher Gewalt begegnet.
Und er hatte das Gefühl, zusammen mit seinem Abendessen in dieser Nacht seine Seele aus seinem Leib zu würgen.
Blass, schwankend, erschöpft aber gefasst kehrte Gabriel zum Tatort zurück. „Und?“
„Tod durch Erschießen.“, sagte Bremer trocken. „Geht’s wieder, Junge?“
Gabriel verbiss sich den Zorn. „Was... was vermuten Sie? Weiß man schon, wer er ist?“ Er schluckte. „War?“
„Wir haben hier in seiner Tasche ein Empfehlungsschreiben von Gustav Schartmann gefunden. Er hieß Daniel Guthardt.“
Gabriel erinnerte sich an etwas. „Schartmann? Der Detektiv Schartmann? Aus Korbach?“
Bremer studierte das Papier. „Ja...“
„Da-das habe ich in der Zeitung gelesen. Schartmann ist tot. Er hat sich vorige Woche unter... mysteriösen Umständen... ähm... selbst ent-leibt.“
„Das ist ja interessant.“ Bremer klang eher gelangweilt.
„Glauben Sie... glauben Sie, dass er das selbst getan hat?“
Bremer lachte und Gabriel kam sich dumm vor. Natürlich nicht.
„Wie soll er das gemacht haben?“
„Vielleicht ist... vielleicht hat Schartmann ja auch nicht selbst sein Leben beendet.“
„Unsinn. Und Guthardt jedenfalls ist getötet worden.“
„Von wem?“
„Vielleicht waren es ja die Zigeuner?“
Gabriels Blick wanderte erschrocken zu dem Mann, der ihnen die Laterne gebracht hatte, doch dessen Gesicht lag im Schatten. Vielleicht war er solcherlei auch gewohnt.
„Worauf wartest du, Gabriel? Mach, Junge, aus dir wird ja nie ein richtiger Polizist. Geh zu den Wagen, frag sie! Ich kümmere mich um die Leute hier.“
Trotz der weit fortgeschrittenen Stunde hatte sich etwa ein halbes Dutzend Menschen um den Tatort versammelt.
„A-alle?“
„Selbstverständlich!“, rief Bremer barsch.
Gabriel machte sich auf den Weg zu den Zigeunerwohnwagen. Wäre es hell gewesen, hätte man erkennen können, dass sie herrlich bunt waren, jeder anders.
Sie standen in Kreisen, Halbkreisen und Karrees angeordnet, offenbar je nach Clanzugehörigkeit. Nur noch vereinzelt brannten Lagerfeuer und hier und da schnaubten die erschreckend großen Pferde, die die schweren Wohnkutschen der Zigeuner in aller Herren Länder zogen. Gabriel fürchtete sich vor den Tieren und er hoffte, dass er keinem von ihnen begegnete. Eigentlich wollte er auch dem fahrenden Volk nicht begegnen, ihnen lastete etwas nicht minder Unheimliches und Verruchtes an...
War das nur das Echo seiner eigenen Schritte, die in der Gasse, die Zelte und Buden bildeten, hallten?
Nein. Da war ein zweites Paar Schritte, und so leise und geschickt sein Verfolger auch war, Gabriel hatte ihn trotzdem gehört.
So plötzlich er konnte, drehte er sich um.
Es war der Zigeuner, der die Laterne gebracht hatte. Er machte keinen Versuch, sich zu verbergen.
„Was willst du?“, rief Gabriel so fest er konnte. Der Zigeuner hob die Schultern und blieb ihm die Antwort schuldig.

Alina war in einen leichten Schlaf gesunken. Sie befürchtete, wenn sie zu tief schlief, könnte der Sensemann sie im Schlaf überraschen, deshalb erlaubte sie sich nicht mehr, allzu fest zu schlafen.
In ihren Träumen hatten dutzende Stimmen zugleich ihre Lebensgeschichten erzählt, und wieder, immer wieder war der junge Mann mit dem dunkelbraunen Frack erschienen.
Die greise Zigeunerin erwachte mit einem Ruck und wusste schlagartig, dass er jetzt tot war. Welches Geheimnis hatte ihn umgeben?
Wenige Augenblicke später klopfte es an der Tür. Draußen stand ein Junge, der vielleicht 19 Jahre alt war, müde wirkte und verstört. Alinas Auge, dasjenige, das vom Alter nicht unscharf und unzuverlässig geworden war, sah auch, dass eine lange Suche ihn noch nicht ans Ziel geführt hatte.

Gabriel hatte Wohnwagen für Wohnwagen abgeklappert. Die Landfahrer, er hatte sie aus dem Schlaf reißen müssen, waren überraschend nett und zuvorkommend gewesen. Und doch hatte niemand den Detektiv gesehen.
„Doch wenn jemand etwas weiß“, hatten viele Stimmen geheimnisvoll geflüstert, „dann Alina, die weise Frau.“
Manche hatten sie auch offen eine alte Hexe genannt, doch Gabriel sah, dass auch das nur liebevoll gemeint gewesen war.
Nun war er hier.

Gehetzt, dachte Alina. Gehetzt wirkte er. Sie ahnte, womit sein Erscheinen zu tun haben könnte.
„Komm herein“, bat sie ihren späten Gast. Nicht dass immer Menschen um diese frühe Morgenstunde zu ihr kamen, dennoch gab sie sich ganz so als ob.
Alina besaß keine Uhr, doch ein Blick auf die Sterne, bevor sie die Tür hinter dem jungen Mann schloss, sagte ihr alles, was sie wissen musste. In etwas mehr als einer Stunde würde die Sonne aufgehen.


Gabriel hatte noch nie zuvor eine so alte Frau gesehen. Dennoch war ihr Gang fest und trotz ihrer trübe wirkenden Augen sah er sofort, dass er es mit einem hellwachen Geist zu tun hatte.
Auch das Innere des Wagens war auf eine Art bunt. Die alte Frau hatte scheinbar Andenken und Sammelstücke aus jeder Zeit ihres Lebens angesammelt. Dennoch wirkte es nicht überfüllt. Der Wagen wurde von einigen wenigen Kerzen erleuchtet und Gabriel hätte es vielleicht sogar gemütlich gefunden, wären doch nur die Umstände anders gewesen. Er nahm auf ihren Fingerzeig hin auf einem Stuhl platz und sie setzte sich ihm gegenüber.
„Ich bin Alina.“ sagte sie würdevoll. „Was kann ich für dich tun?“
„Ich... ähm... mein Name ist Gabriel Sommer, ich bin Gehilfe des hiesigen Schutzmannes. Heute Nacht wurde ein junger Mann beim Riesenrad erschossen... “ Gabriel stockte, fing sich aber schnell. „ hinterrücks. Er... er war ein Detektiv aus Korbach und... nun, man sagte mir, dass Sie vielleicht etwas wissen.“
Erwartungsvoll sah er in die tiefblauen Augen in der Wüste ihres runzligen Gesichts.
Lange hatte die weise Zigeunerin geschwiegen, bevor sie geflüstert hatte: „Vorsicht, Gabriel, wenn du zu tief fragst, bist du in großer Gefahr.“
Mit einem Schaudern dachte Gabriel an den Mann, der sich, seitdem er den Tatort verlassen hatte, an seine Fersen geheftet hatte.
Doch dann ärgerte er sich. Was sollte dies Geschwätz? Würde sie ihm auch nicht helfen können?
Sie war seine letzte Hoffnung gewesen, nicht ergebnislos zu Bremer zurückkehren zu müssen. Außerdem berührte ihn das Schicksal des jungen Detektivs. Er war nicht viel älter als er selbst gewesen. Und Gabriel hatte das Gefühl, dass sein Tod so sinnlos war.
„Sprichst du von einem jungen Mann, der adrett in dunkelbraun gekleidet war, ein sehr vornehmer Stadtmensch?“
„Ja! Haben Sie... haben Sie ihn gesehen? War er hier?“
„Er ist tot, ja?“
Gabriel nickte. Die Frau schenkte ihm einen fast liebevoll-mütterlichen Blick, als ihm bei der Erinnerung erneut ein kalter Schauer den Rücken hinablief, der ihn erzittern ließ.
„Ich will dir erzählen, was ich weiß. Es ist nicht viel.“
Gabriel nickte ungeduldig.
„Nun, dieser Mann ging hier vorbei.“
Gabriel wartete, dass sie weitersprach, doch die alte Frau war ver-stummt. Dann stieg der Zorn der Enttäuschung in ihm auf. Das war alles? Am liebsten hätte er mit der Faust auf den wackeligen Tisch geschlagen. Dafür war er zwei Stunden von Wohnwagen zu Wohnwagen gelaufen?
Alina schaute ruhig zu, wie der Zorn in Gabriels Gesicht verrauchte. Erst dann fuhr sie fort.
„Ich könnte dir noch viel mehr erzählen, Gabriel, doch ich fürchte, du würdest mich nicht ernst nehmen. Diese Dinge liegen vielleicht weit hinter der Grenze deines Verstehens. Und was die Menschen nicht verstehen, das fürchten sie. Diese Wahrheit können wir Zigeuner aus trauriger Erfahrung nur bestätigen. Unsere Warnungen bleiben allzu oft nur Kassandraschreie.“ Sie wandte den Blick ab.
„Bitte, erzählen Sie es mir. Es ist ungeheuer wichtig für mich. Ich, ich persönlich, muss wissen, warum!“
„Siehst du? Jetzt hast du mir ein Stück von dir gezeigt.“ Die alte Hellseherin lächelte und Gabriel sah die Schönheit ihres hohen Alters.
Sie fuhr fort: „Nun, ich werde versuchen, dir zu erklären, was ich gefühlt habe.
Dieser Mann ging hier vorbei und ihn umgab eine Aura der Gefahr. Glaub es mir oder nicht, aber ich wusste, dass er in Lebensgefahr war. Er war sehr gehetzt, jemand folgte ihm.
Auch ein Hauch von verlorener Liebe umgab ihn – verloren aus jetziger Sicht... Er war kurz zuvor bei einer Frau gewesen. Es ist traurig, dass sie sich nie wieder sehen werden.“ Bei den letzten Worten hatte Alinas Stimme eine sehr dunkle Facette angenommen, ihr Blick war zum dunklen Fenster und in unbekannte Fernen darüber hinaus gewandert.
Gabriel musste die Zigeunerin mehrmals ansprechen, bevor sie zu ihm zurückkehrte.
Er konnte sich kaum in Zaum halten, vor Aufregung stotterte er. „Haben Sie... haben Sie die Männer gesehen, die ihn verfolgten? Können Sie sie mir beschreiben?“
„Nein, ich habe sie nicht gesehen. Ich bin hernach zu Bett gegangen.“
In diesem Moment war in Gabriel kein Platz für Enttäuschung. „Und... und die Frau... wer ist die Frau? Wie heißt sie?“
Alina lachte. „Woher soll ich das wissen?“


Gabriel war sofort zu Bremer gelaufen und hatte ihm alles erzählt, was die alte Frau gesagt hatte. Er erwartete Lob, endlich, doch Bremer zischte nur: „Lauf zurück, Dummkopf, die weiß noch mehr als das abergläubische Gefasel!“

Alina stand an der Tür ihres Wohnwagens. Sie betrachtete die farbenfrohe Schönheit des Sonnenaufgangs und war glücklich. Sie wusste, dass es ihr letzter Sonnenaufgang war. Das Alter war bereits auf dem Weg zu ihr, um sich seinen letzten Preis zu holen.
Ein wenig wehmütig dachte sie an den Jungen. Sie würde ihm nicht mehr helfen können. Wenn sie das Unglück doch nur verhindern könnte...
Dann hatte sie eine Idee, sie rief nach Anselm, der sofort kam. Sie flüsterte ihm einige Worte zu. Er nickte. Alina betrat ihr Heim, legte sich aufs Bett, träumte mit offenen Augen und lauschte auf das näherkommende Hufgeklapper des Knochenpferdes, auf den Lippen ein leises Gebet: „Palikeras tuke Maria, pherde kamipeha le delestar,... o del... hi tuha...“[1]

Es war wieder dieser Zigeuner. Der mit der Laterne. Stumm, schwei-gend, wie eine Salzsäule stand er da und verweigerte Gabriel den Zugang zu Alinas Wagen.
„Was soll das? Lass mich durch!“ Der Mann schüttelte den Kopf.
„Es geht um einen Mord, verstehst du das nicht?“
„Alina ist tot.“, sagte der Zigeuner mit tiefer, trauriger Stimme.
Es dauerte eine Weile, bis Gabriel sich wieder gefasst hatte. Der Zigeuner hatte ihn still und tröstend am Arm gefasst.
„Warum tust du das?“, fragte Gabriel schließlich und streifte den Arm ab.
„Ich bin nicht dein Feind.“, sagte er ruhig.
„Ach nein? Warum bist du mir dann gefolgt? Warum ist eine wichtige Zeugin jetzt tot?“ Gabriel drohte wieder außer sich zu geraten.
„Sie ist eines natürlichen Todes gestorben, davon kannst du dich auch gern selbst überzeugen, wenn du kein Stück Pietät in dir hast. Und ich bin dir gefolgt, um dich zu schützen.“
Gabriel war einigermaßen erstaunt. „Mich... mich zu schützen? Wovor?“
„Ich habe eine Nachricht für dich. Von Alina.“, sagte der Sinto unvermittelt.

Gabriel saß in der Kutsche nach Korbach. Er musste einiges herausfinden. Wer der Tote gewesen war. Was mit Schartmann wirklich geschehen war.
Allein.
Bremer hatte ihn zum Schlafen nach Hause geschickt. Doch dazu war keine Zeit!
Alinas Botschaft ging ihm nicht aus dem Kopf. Ständig spukten ihre Worte in seinem Kopf herum. Er konnte es nicht glauben.
Dennoch, zum ersten Mal im Leben war er froh, dass sich sein Heimatstädtchen Arolsen hinter ihm mehr und mehr entfernte.
Diesmal hatte er Antworten bekommen. Mehr als gut für ihn waren, sein Kopf raste und drehte sich, er konnte keinen klaren Gedanken fassen.
Schließlich nahm er seinen Federhalter, tauchte ihn ins Tintenfass und begann zu schreiben. Er versuchte so gut als möglich, das Rumpeln der Kutsche zu ignorieren, die ihn zurück nach Arolsen bringen sollte.


Gabriel hastete über die Festwiese. Normalerweise hätte er gerne einen Blick auf all die Dinge geworfen, die geboten wurden. In einem Zelt war eine Abnormitätenschau, die er gern gesehen hätte. Eine Frau mit Vollbart, ein Mann mit Schlangenhaut, ein Wolfsmensch, all diese Dinge interessierten ihn sehr. Oder sie hatten ihn interessiert, als er noch keinen Ermordeten gesehen hatte und nicht das Gefühl gehabt hatte, dass lachen verboten sei, ja, er es nie wieder können würde.
Gabriel war spät dran zu seinem Treffen mit Bremer. Dieser hatte sich noch einmal am Tatort mit ihm treffen wollen. Dabei war die Leiche schon in der Nacht fortgeschafft worden, Gabriel hatte keine Ahnung, wohin, und das Leben ging weiter, als ob nichts gewesen wäre.
Wusste denn hier wirklich niemand, dass in der Nacht ein Mensch auf brutale Weise ums Leben gekommen war?
Ein Stück weiter stand ein Feuerspucker vor seinem Zelt und gab sein Können zum Besten. Normalerweise hätte er Gabriel ein Lächeln entlockt und Neugier, Faszination in ihm geweckt. Jetzt aber ballte sich Angst wie eine kleine Kugel in seinem Bauch zusammen. Inmitten der vielen Menschen fühlte er sich sehr allein. Und schutzlos.
„Lass uns eine Runde fahren.“, bat Bremer. Er war heute in ausge-glichenerer Stimmung als in der Nacht. Beinahe gelassen stand er unter dem Riesenrad und stopfte seine Meerschaumpfeife.
„Wieso?“ Mit einem mulmigen Gefühl sah Gabriel am Riesenrad empor.
„Kommst du nicht von selbst drauf? Nun, wir haben einen Mord und noch keinen Anhaltspunkt auf den Täter.“ Bremer steckte sich seine Pfeife an und nahm einen tiefen Zug.
Ich habe ihn, dachte Gabriel bitter. Doch wer wird mir das schon glauben?
„Vielleicht finden wir ihn dort. Immerhin soll man von oben einen besseren Überblick haben.“, fuhr Bremer fort.
Und er löste für beide ein Billet und sie stiegen in die Gondel.
Sie hatten bis kurz bevor das gemächlich drehende Rad seinen höchsten Punkt erreicht hatte, nicht gesprochen. Gabriel war viel zu sehr damit beschäftigt, die Übelkeit in sich niederzukämpfen. Dabei hatte er noch nie unter Höhenangst gelitten.
Welches Motiv mochte er gehabt haben? War es wirklich nur der berufliche Werdegang, ein Quäntchen mehr Macht, ein wenig mehr Erfolg ohne die beiden Detektive? Das war doch krank. Natürlich hatte Gabriel Bremer nichts von seiner Reise nach Korbach erzählt.
„Sind wir jetzt schlauer?“, fragte Bremer. Sie waren jetzt kurz vor dem Scheitelpunkt, doch Gabriel hatte noch gar keinen Blick in die Tiefe gewagt. Etwas lauerndes, das fiel ihm im Nachklang auf, hatte in Bremers Stimme gelegen. Gabriels Angst nahm nun fast überhand.
Und wenn er ehrlich zu sich selbst war, war es nicht die Höhe, die er fürchtete.
„Steh auf und sieh nach unten.“, befahl Bremer. Und wider besseres Wissen gehorchte Gabriel. Er spürte Bremers prankenartige Hand im Rücken, spürte den Stoß. Warme Sommerluft, gemeinsam mit erschrockenen Aufschreien, begleitete Gabriel in die Tiefe. Plötzlich fühlte er sich so leicht...

Katharina Rabe stand an diesem Abend lange und still auf dem noch stilleren Festplatz. Die Männer waren am Abbauen und dunkel ragte das Skelett des Riesenrades vor ihr auf.

Sie nahm an diesem Abend Abschied von Daniel. Erst an diesem Nachmittag hatte sie erfahren, dass er ermordet worden war. Und Katharina nahm an diesem Abend Abschied von ihrem Leben, von dem Leben, was sie bisher geführt hatte.
Immer wieder strichen ihre Hände über ihren noch flachen Bauch. Nein, sie konnte Daniel nicht in den Tod folgen, auch wenn sie es so gern wollte. Sie hatte hier noch eine Aufgabe.
Ihr Plan war, sich den Schaustellern anzuschließen, denn daheim konnte sie nicht bleiben.
Später, als die Wunden ein wenig geheilt waren, heiratete sie den Zigeuner Anselm Polkioff.

Mike konnte seine Neugier kaum in Zaum halten. Gehörten noch mehr Knochen zu dem Schädel? Er grub mit seinem Taschenmesser fieberhaft weiter, bis er auf Widerstand stieß.
Es war eine kleine Schatulle aus mit der Zeit dunkel gewordenem Metall. Mit dem Multifunktionsmesser brach Mike das Schloss auf.
Drinnen war ein Zettel, klein, vergilbt, unscheinbar. Nur zwei kurze Notizen standen in krakeliger Schrift darauf:

Alinas letzte Worte: Bei der heiligen Sara und allen Heiligen, Gabriel, nimm dich vor dem Mann in Acht, der dir beruflich sehr nahe steht. Ich weiß nicht wie er heißt, aber bring dich außer seiner Reichweite!

und

Daniel Guthardt wollte sich mit Hartwig Bremer treffen!

Enttäuscht knüllte Mike den Zettel zusammen und stopfte ihn in das Kästchen zurück.



[1] Der Anfang des Ave Maria auf Romanes, der Sprache der Roma und Sinti.

21.8.07 15:47
 


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