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Die grünen Augen

Es war heiß. Nach zwei Tagen war endlich die Wolkendecke aufgerissen. Lange hatte Annegret hierfür gespart, gar nicht so leicht als alleinerziehende Mutter: Wales. Ein langgehegter Traum.
Um das Glück perfekt zu machen, hatte sie Gregory getroffen. Es war Zeit, dass sie mal wieder einen Mann kennenlernte. Nach all den Jahren der Trauer.
Sie saßen auf einer Picknickdecke an der Steilküste, während die kleine Renée unweit entfernt leise vor sich hinredend spielte.
Greg ergriff ihre Hand um ihre Aufmerksamkeit zurückzubekommen. Mit der anderen Hand führte er eine Weintraube an ihren Mund. Sie schnappte sie lachend und er bat sie, von ihrer Heimat zu sprechen. Und sie tat ihm den Gefallen und erzählte, erzählte so lange, bis die Worte zwischen ihnen ausgingen. Plötzlich waren sich ihre Köpfe so nah. „Gleich…“, dachte sie. Dann erst fiel ihr die Stille auf.
„Renée?“, rief sie. Die Vierjährige war nirgends zu sehen. Mit dem untrüglichen Instinkt einer Mutter drehte Annegret sich um. „Oh Gott.“, flüsterte sie. Die Kleine stand direkt an der Kante der Klippe. Unter ihr toste die wilde, von Felsen durchsetzte Irische See. Dann schrie Annegret: „Um Gottes Willen, beweg dich nicht, Mama kommt dich holen.“ Sie rannte los.
Und Renée breitete die Ärmchen aus wie um sie ihrer Mutter entgegenzustrecken. Dann fiel sie.
Ihr kleiner Oberkörper neigte sich rückwärts wie in Zeitlupe. Annegret schrie und versuchte, schneller zu laufen, auch Gregory war aufgesprungen.
Auch Renée schrie jetzt.
Dann war der kleine Körper hinter der Klippe verschwunden.


„Renée!“
Annegret wäre einfach weitergelaufen, ohne an der Kante halt zu machen, hätte Gregory sie nicht in der letzten Sekunde festgehalten. Immer wieder den Namen ihrer kleinen Tochter schreiend, versuchte sich Annegret aus seinem Griff zu befreien. „Ich muss schauen, was mit ihr ist!“, schrie sie Greg an.
„Ja, ja, das machen wir.“, sagte er in ruhigem Ton, dem doch eine unterschwellige Panik beiwohnte. „Aber es hilft ihr nichts, wenn du hinterherstürzt.“
„Geh nicht so nah ran, hab ich ihr gesagt“, murmelte Annegret verstört, während Gregory sie mit sanfter Gewalt zu Boden zog. Auf dem Bauch robbten sie an die Kante heran und spähten mit bangen Herzen in die Tiefe.
Viele, viele Meter unter ihnen schwamm im seichten Wasser ein kleiner zerschlagener Körper, den die Wellen immer wieder gegen einen Fels drückten. Dann kam eine große Welle und als sie abebbte, war Renée verschwunden. Das letzte, was man von ihr sah, war eine Strähne langen weißblonden Haares, die einige Sekundenbruchteile auf den Wellen trieb, bevor auch sie unterging.

Eileen schlief friedlich in ihrem Bettchen. Frederick, ihr Vater, lächelte glücklich auf das schlafende Kund hinab. Dann zog er die Decke, sie sie im Schlaf wohl abgeschüttelt hatte, wieder bis über die Schultern der Zweijährigen, schlich leise aus dem Zimmer und legte sich zu Bett. Als er am Morgen in ihr Zimmer trat, war das Gitterbettchen voller Blut, Eileen aber war tot.

Drei Tage waren vergangen, als Gregory Annegret besuchte. Sie musste bis zur Klärung der Umstände im Land bleiben. Es gab auch keinen Körper zu beerdigen oder überführen. Nur hilfloses Warten gab es.
Die ältliche Dame, die ihr das gediegene Mansardenzimmer vermietet hatte, öffnete Greg die Tür. „Sie ist oben, das arme Ding.“, sagte sie und strich nervös ihre Schürze glatt. „Hat das Zimmer kaum verlassen, so jung ist sie noch… Das ist so schrecklich. Und haben Sie von der kleinen Eileen gehört?“ Gregory konnte nur stumm nicken, während Mrs Webster sich schüttelte vor Grauen Sie war froh, dass sie keine Enkel hatte, um die sie fürchten musste! Als er schon halb auf der Treppe war, sagte sie noch: „Es ist schön, dass sie jetzt ein bisschen Gesellschaft hat.“
Nachdem niemand auf sein Klopfen geantwortet hatte, öffnete Greg die Tür. Vor ihm eröffnete sich eine absurde Szene.
Auf dem kleinen runden Tisch vor der altrosa gepolsterten Couch standen zwei Teegedecke, der passende Sessel mit vielen Kissen darin war nah herangerückt. Auf dem Sofa aber saß Annegret, eine Teekanne in der Hand. Gerade in diesem Moment sagte sie: „Renée, noch einen Tee? Aber trink nicht wieder so schnell, du weißt ja jetzt, dass er heiß ist!“ Sie richtete ihren Blick auf den leeren Sessel.
„Annegret.“, sagte Greg und konnte ein wenig Entsetzen nicht aus seiner Stimme verbannen. Entsetzlich langsam drehte sie sich zu ihm um. „Oh, hallo“, sagte sie mit entsetzlich tonloser Stimme. „Wir trinken gerade Tee, möchtest du auch was?“ Ihr Haar war nicht gemacht und zerzaust und sie schien noch immer die Kleidung von vor drei Tagen zu tragen. Er ging wortlos auf sie zu, zog sie vom Sofa und nahm sie in die Arme. Er wollte ihr sagen dass sie sich klar werden müsse, dass ihre Renée tot war, irgendwer musste es ihr doch sagen, doch sie machte sich los. Sie blickte auf ihre sauberen Hände und sagte immer noch ohne die geringste Betonung: „Ich muss mir die Hände waschen. Sie sind voller Blut.“

Saint Magdalen war ein verschlafener walisischer Küstenort. Einige Menschen lebten davon, Zimmer an Touristen zu vermieten, die einen ruhigen Urlaub genießen wollten. Oder an Historiker, die die uralten magischen keltischen Steine untersuchen wollten, die es verstreut in der Umgebung gab. Wenige hatten noch Landwirtschaft, es gab einen Lebensmittelladen im Ort, doch die meisten fuhren zum Arbeiten in die nächste größere Stadt. Oder bestritten ihren Lebensunterhalt mit einer Kombination dieser Dinge.
An diesem Abend zog Mrs Webster mit einem Gruseln die Vorhänge zu. Sie wollte noch ein wenig im Licht der Lampe lesen, doch sie glaubte nicht, dass sie sich heute auf ihren Liebesroman konzentrieren konnte. Erst war die wundervolle kleine Renée, die, obwohl sie kein Wort Englisch gesprochen hatte, ihr Haus so mit Leben gefüllt hatte, so grauenhaft verunglückt und nun war vergangene Nacht auch noch die kleine Eileen Newton auf so fürchterliche Art in ihrem Bettchen ermordet worden. Was war hier los?, fragte sie sich mit einem Schaudern. Sie zog sorgfältig den letzten Spalt Vorhang zu, sie konnte spüren, dass neues Grauen auf der Straße wandelte.
Derweil war eine Straße weiter der kleine Robert Miller, vier Jahre alt, in einem unbeobachteten Moment hinaus auf die Straße gelaufen. Als Mary, seine Mutter, es bemerkte, lief sie hinaus auf die Straße, rufend rannte sie durch die Gassen, während ihr die Namen Renée und Eileen durch den Kopf rasten.
Plötzlich hielt sie inne. Sie hatte in einer Nebenstraße etwas kleines Weißes gesehen. Eine Katze?
Sie lief zurück. Dort lag nur ihr kleiner Robert, blutend, und in seiner Brust stak etwas, das in der Dunkelheit aussah wie ein Horn.
Panisch blickte sich Mary nach dem Angreifer um. An der Straßenecke sah sie es kurz. Ein Gesicht blitzte hervor. Das einzige, an das sie sich später noch erinnerte, waren stechend grüne Augen gewesen. Mit zitternden Fingern wählte sie den Notruf an ihrem Handy.

Annegret träumte in dieser Nacht. Es war nur eine winzige Sequenz, die sich immer wieder wiederholte. Sie saß im Auto, ihr Bauch war schon hoch gewölbt mit der kleinen Renée, und sie blickte zu Linus, Renées Vater, herüber. Er schenkte ihr sein Zauberlächeln. Dann klirrte Glas, Reifen quietschten, Schwärze. Kurze Gedankenblitze. Das Innere eines Krankenwagens. Das Krankenhaus. Die Sorge um das Baby. Wo war Linus? Der Geburtstag von Renée war der Todestag ihres Vaters. Sie hatte sein helles Haar, aber ihre blauen Augen. Annegret bemerkte, dass sie aufgewacht war, dass sie jetzt nachdachte, nicht mehr träumte. Sie konnte sie nicht auch noch verloren haben. Das konnte nicht sein… das tat zu weh. Viel zu weh. Sie war doch gerade erst geboren worden. Sie… Ihr graute es davor, es den Leuten, ihren Eltern, Linus’ Eltern, ihren Freunden sagen zu müssen, wenn sie es doch selbst einfach nicht glauben wollte.
Als Annegret am Morgen wie gerädert erwachte, saß Renée an ihrem Bett und wollte spielen.

„Sei kein Frosch!“
„Nein, wirklich, meine Mami wird sehr böse, wenn ich nicht rechtzeitig zum Mittagessen zu Hause bin.“
Meine Mami wird sehr böse“, äffte Michelle zornig ihre Freundin Ann nach und warf ihren Schulranzen ins hohe Gras. „Da ist doch nichts bei! Komm, dauert doch nicht lange! Nur mal gucken.“ Sie blickte Ann streng an. „Außerdem ist es bei Tage gar nicht gefährlich.“, fügte sie altklug hinzu.
„Nein, Chelly, trotzdem nicht. Ich geh nach Hause!“
„Dann geh ich halt allein los.“ Michelle schüttelte ihr langes schwarzes Haar trotzig.
„Nein, Chelly, warte!“, rief Ann, machte aber keine Anstalten zu folgen. „Hast du nicht von Sophie Millers kleinem Bruder gehört?“ Doch das hörte Michelle schon gar nicht mehr, die Siebenjährige stapfte mit großen Schritten den Hügel hinauf, auf dessen anderer Seite einer der Feensteine von Saint Magdalen stand. Ann rannte nach Hause.

Im Krankenhaus der nahegelegenen Kleinstadt erwachte der kleine Robert zum ersten Mal seit seiner schweren Verletzung. Die Ärzte staunten über seine Zähigkeit und Robustigkeit. Alle wollten nur eins von dem Kleinen wissen: Wer war es gewesen? „Mum“, sagte er nur. „Da war ein kleines Mädchen.“ „Was denn für ein Mädchen?“ „Sie war viel kleiner als ich. Und hatte ganz weiße Haare und ein weißes Kleid, so ganz altmodisch. Und auch ihre Haut, Mum, die war so hell, Mum, war sie krank?“ Mary wollte sagen, dass sie das nicht wüsste. Aber da sagte er schon, nun sehr müde: „Mum, und ihre Augen. Die waren grün. Sonst war nichts bunt… nur die Augen... So wie Jackys waren sie…“ Dann schlief er schon wieder ein. Marys Hände zitterten. Jacky war ihre Katze. Und das Mädchen war eine kleine Mörderin. Dessen war sie sich sicher. Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken herunter, als ihr klarwurde, was sie gerade gedacht hatte.

Michelles Mutter Rose war sofort losgelaufen, als Anns Mutter mit ihrer kleinlauten Tochter vor ihrer Tür gestanden hatte und ihr gesagt hatte, wo Michelle war. Heftig keuchend kam sie beim Feenhügel an. Über die Kuppe, und zwischen den zerklüfteten Felsen auf die Lichtung. Wie in ihrer eigenen Kindheit. Dann sah sie Michelle still daliegen. Ihr Gesicht war bleich und reglos, die Augen geschlossen und ihr schwarzes Haar war um ihren Kopf gebreitet. Neben ihr kauerte ein weiteres Mädchen. Sie war sehr klein, hatte langes weißblondes Haar und trug ein Nachthemd.
Sie strich mit ihrer kleinen Hand über Michelles Gesicht.
„Michelle!“, rief Rose. Das Mädchen wandte sich erschrocken um, seine weißblonden Locken flogen. Sie hatte leuchtend grüne Augen. So grün, dass trotz der Geste, die sie beobachtet hatte, Rose ein Schauer über den Rücken lief. Als sie wieder hinsah, war das seltsame Mädchen fort. Michelle aber lag da mit einem Horn in der Brust.

Erneut wurde es Abend. Mrs Webster klopfte zaghaft an die Tür von Annegret. Es war den ganzen Tag über so still in der Mansarde gewesen. Leise trat sie ein. Annegret saß am schmaleren der beiden Betten, das leer war, und las aus einem Buch vor, das sie auf den Knien balancierte. Mrs Webster war erschrocken, beschloss aber dann, dass Angriff die beste Verteidigung sei. „Sie sind ja nicht die einzige, der es im Moment so schlecht ergeht.“, sagte sie, sagte sie in die Stille zwischen zwei für sie unverständlichen deutschen Sätzen hinein. Annegret sah sie an, beinah, als sähe sie durch sie hindurch. Dann erzählte Mrs Webster von Eileen und Robert. Annegret geriet einigermaßen außer sich, doch die ältere Dame konnte sie nicht verstehen, da sie sich in ihrer Muttersprache ereiferte. „Hören Sie“, sagte Mrs Webster da. „Was halten Sie von einem Ausflug zu den Feensteinen? Sie haben eine tröstende Wirkung. Ich selbst bin dort gewesen, als mein Mann gestorben ist, und ich habe die Hand auf den Stein gelegt und ich spürte ein Summen. Wenn die Feen einem ein Lied summen, verschafft es einem Linderung, wussten Sie das?“

Annegret hatte sich tatsächlich auf den Weg zu den magischen Steinen gemacht, auch wenn es bereits zu dunkeln begann. Sie hockte sich auf einen der Felsen, die aussahen, als hätte ein Riese sie einfach fallen gelassen, und tatsächlich begegnete ihr eine Fee. Sie war klein, trug ein wallendes weißes Nachthemd und hatte lange, weißblonde Locken. „Renée“, wollte sie rufen, doch was sie tatsächlich sagte war: „Du hast ja grüne Augen!“
„Das kommt vom Meer.“, sagte Renée und wischte eine blutverschmierte Hand an ihrem Nachthemd ab.

6.9.07 12:50
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Jeanie aus der Schreibwerkstat (3.4.09 15:01)
Wow ...
Das ist ja gruselig - aber irgendwie gefällts
mir!

MEHR!!!

Jeanie aus der Schreibwerkstatt


Nigromantia / Website (4.4.09 16:49)
Liebe Jeany,
Vielen lieben Dank für deinen netten Kommentar. Würde mich freuen, wenn du mehr liest. Ansonsten versuche ich mal, Texte von dir bei der Schreibwerksatt zu finden...

Nigromantia

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