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Kaltes Feuer

Teil 3 Feuer

Ein einzelner Sonnenstrahl fiel durch das hochgelegene, winzige Gitterfenster. In ihm flirrte die Stille. Jetzt war es fast, als würde ich niemanden mehr sprechen hören können, als wäre ich taub. Aussichtslos – das war wohl das, was meine Lage am ehesten beschrieb. Ich fühlte mich winzig klein in den hohen Mauern meines Turmverlieses, fast als wäre ich nicht da.
Verschwunden war der Ingrimm, der mich vor wenigen vielen Stunden in der Stadt erfasst hatte und der mich alles zerreißen lassen wollte.
Alles was in mir noch war, war der Schmerz, und auch der war nur körperlich. Meine kalten, blauleuchtenden Fesseln schnitten in mein Fleisch. Ja, auch sie waren aus Magie gewoben, ich konnte die feinen Äderchen in den Armringen spüren. Sie sogen die Zauberkraft aus mir, ließen nicht zu, dass ich irgendetwas beschwor.


In der Dunkelheit um den Lichtstrahl sah ich sie in Kobalt leuchten, sie warfen die Zelle in blassblaues Licht. Es war kalt und einzig der Sonnenstrahl, der sich wohl verlaufen hatte, wärmte. Er fiel auf meinen Bauch, genau auf die Stelle, die sonst von meiner Magie gewärmt wurde. Ich spürte genau ihr Fehlen.
Ich wusste nicht, wie lange ich schon hier war, ohne Kraft, ohne Gedanken, einfach am Boden lag und mich treiben ließ von den Gedanken, die auch meine Seele zu Boden zogen. Nicht einmal das Unrecht, das mir widerfahren war, ließ sie noch aufbäumen. War sie schon tot? Fast hoffte ich es, damit ich ihr bald folgen konnte.
Ich starrte auf gemauerten Stein, Stein auf Stein, Fuge an Fuge, alles gleich. Ich wollte die Augen schließen, mir schönere Bilder ausmalen, doch das gelang mir nicht.
Sang den da draußen nicht einmal ein Vogel, mir zum Abschied?
Ganz leise fragte eine Stimme in mir, was sie wohl mit mir vorhatten. Würde überhaupt jemand kommen oder würden sie mich hier verrotten lassen? Aber ich hatte ja bekommen, was ich gewollt hatte. Mein Handeln schließlich war bemerkt worden.
Das also war die Strafe, wenn man einem Menschen, der nichts hatte, half. Einem? Ja, vielen Bettlern hatte ich geholfen, wo immer ich etwas für sie übrig hatte, und sei es nur ein tröstendes Wort. Doch ich hatte entgegen der Worte meines… was redete ich da? Gegen die Anordnung Ozmokaols hatte ich auf das Fest gehen müssen. Hätte ich nur einfach auf ihn gehört, ich wäre so glimpflich davongekommen.
Hatte ich da gerade etwas anderes sagen wollen? Hatte es in meiner stockfinsteren Vergangenheit jemanden gegeben, der mich gewarnt hatte?
Ich erinnerte mich an die Zeit, als ich ohne eine einzige Erinnerung erwacht war. Wie nackt hatte ich dagestanden, nackt und leer. Verletzlich gegen jeden, der mir etwas antun oder anhängen wollte. Doch das hier war noch schlimmer. Da hatte ich auch Phasen gehabt, in denen ich verzweifelt gewesen war, doch…
Ein Knarren ließ mich innehalten, zumindest geistig, denn meinen Körper hatte ich nicht gerührt. Jetzt aber wandte ich den Kopf zur Gittertür, wo gerade ein Soldat einen rostigen Schlüssel zu drehen versuchte. Knarzend gab er schließlich nach. Die Tür öffnete sich.
Ich versuchte, auf die Füße zu springen, doch meine Fesseln, an die ich nicht gedacht hatte, hinderten mich, sodass ich lang vor dem Soldaten hinschlug. Als ich so von ganz unten zu ihm aufsah, glaubte ich, um seine Lippen herum ein leichtes Zucken über sein starres Gesicht gleiten zu sehen. Wortlos wartete er, ohne mir zu helfen, bis ich umständlich und sehr langsam diesmal auf die Füße gekommen war. Hinter ihm konnte ich weitere Soldaten im dunklen Korridor erkennen.
„Ich bitte Euch, mir zu folgen, Azkandira.“, sagte er förmlich. Ich fragte mich, weshalb er mich mit der Höflichkeitsform anredete. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, eine Gefangene so zu behandeln. War es blanker Hohn?
Dennoch folgte ich ihm ohne Widerstand. Kein Licht, keine Fackel erhellte den Flur, doch die Soldaten schienen den Weg zu kennen. Offensichtlich konnten sie nicht zaubern, denn keiner machte Anstalten, meine Fußfesseln zu lockern, sodass ich nur kleine, stolpernde Schritte machen konnte.
Warum, fragte ich mich, kannte er meinen Namen, wenn mich doch niemand danach gefragt hatte?
„Was geschieht mit mir?“, fragte ich mit gebrochener Stimme. Ich erhielt keine Antwort. Stumm führten sie mich weiter, einer hatte seine Hand an meinen Ellbogen gelegt, doch ich konnte sie kaum spüren, sie war wie leichter Seidenstoff, als wagte er nicht, mich wirklich zu berühren.
Wo würde ich ankommen, wo führte mein Weg hin? Wohl weiter in die Tiefe, dachte ich, als wir am Fuß der Treppe ankamen. Ich blieb stehen.
„Los, beeilt Euch“, sagte der unbekannte Anführer unwirsch, aber immer noch mit einer Prise Höflichkeit in der Stimme.
„Ich kann nicht.“
„Wieso?“ Erstaunt blickte ich ihn an. Es war das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit, dass jemand auf meine Worte reagierte. Er konnte nicht ahnen, wie kostbar dieses eine Wort für mich war, trotz seiner kaum noch verhaltenen Ungeduld in der Stimme.
„Weil ich die Stufen nicht überwinden kann. Sie sind zu hoch mit den Fesseln.“, sagte ich, jedes Wort genießend, weil ich trotz der Leere in mir spüren konnte, dass es wirkte.
Doch er antwortete mir nicht mehr, wortlos löste er seinen Gürtel.
Ich riss die Augen auf, panisch, was er jetzt tun würde. Doch er reichte nur den Waffengurt an seinen Kollegen, dann nahm er mich ohne viel Federlesens auf die Arme. Ich hätte ihm am liebsten die Fäuste vor die Brust gedonnert. Sprich mit mir, sprich doch!

Am oberen Ende der Treppe hatte er mich wieder abgesetzt und würdelos weiterhüpfen lassen bis in den Saal von Arnokas Burg, in dem Winterfeste stattfanden, Schauspiele für die Herrschaften, Ratstagungen und eben Gerichtsverhandlungen. Woher wusste ich all das? Wahrscheinlich wusste es einfach jeder in der Stadt…
Der Raum war dunkel und kalt. Eine einzige Kerze brannte in einer fernen Ecke. Was war hier los? Sonst hatte immer ein helles, freundliches Feuer im Kamin geflackert und…
„Azkandira“, sagte eine trockene, knarrende Stimme aus dem Thron am Kopf des Raumes. Die Stimme eines uralten Mannes. Ich war furchtbar zusammengefahren, denn in der Dunkelheit hatte ich dort niemanden sitzen gesehen. „Azkandira…“, sagte die Stimme wieder. War das wirklich der stolze Ozmokaol? Er klang… zerbrochen.
Oder bildete ich mir das nur ein? Vielleicht war er krank? Oder dachte ich das nur, weil ich die Klatschgeschichte der alten Frau gehört hatte?
War das wirklich heute Morgen gewesen? Es kam mir vor, als wären seither Monate ins Land gegangen. Ich wünschte mir, nichts von dem wäre geschehen.
Doch von Ozmokaol hatte ich schon einmal Gnade erfahren, vielleicht…
„Du hast gegen die Regeln der Stadt verstoßen.“, sprach Ozmokaol, und mir wurde klar, dass es einen Unterschied zwischen Anklage und Vorwurf gab. Er klagte nicht an wie ein erhabener Richter, er warf es mir vor und beinah kam er mir wie ein trotziges Kind vor. Doch das bildete ich mir sicher nur ein, diese Verletztheit in seiner Stimme.
„Du wirst morgen Mittag die gerechte Strafe für dein Handeln bekommen. Du wirst…“
In diesem Moment klapperte eine Tür und ein von gelbem Licht erfülltes Viereck gab einen großen, massigen Schatten preis. „Das kannst du nicht tun!“, donnerte der Schatten. Ich erkannte sofort und zweifelsfrei die Stimme. Es war Albrego. Mein Herz begann zu klopfen. Würde sich das Blatt jetzt doch noch wenden?
„Was geht hier vor, Vater?“, fragte Albrego mit scharfer Stimme. Ozmokaols einzige Antwort war: „Führt sie ab.“
Die Soldaten zögerten. „Nein!“, fuhr der Prinz sie an. Einige Augenblicke schienen sie in der Dunkelheit zwischen ihnen hin und her zu schauen, ich konnte es nicht sehen, doch dann erinnerten sie sich, wem sie ihren Eid geschworen hatten. Ich wurde hart an den Oberarmen gepackt und ohne Rücksicht aus dem Raum geschleift. Das letzte, was ich von den beiden hörte, war Albrego, wie er unerhört laut und mit überkippender Stimme schrie: „DAS KANNST DU NICHT TUN! DU MUSST DEN VERSTAND VERLOREN HABEN, ENDGÜLTIG!“

Bald darauf war ich wieder allein in meiner dunklen Zelle. Aus der Dunkelheit in die Dunkelheit…
Warum setzte Albrego sich so für mich ein? Schon manchmal hatte ich mich gefragt, ob an mir etwas besonderes sei, dass die Menschen in der Stadt mich manches Mal so ansahen oder gar vor mir zurückwichen. Ich hatte es darauf geschoben, dass ich wahrscheinlich die einzige in der Stadt war, die kein hellblondes Haar hatte. Doch war es das wirklich, nur das?
War ich doch in Albrego verliebt und er in mich? Ich schüttelte den Kopf. Das war blanker Unfug.
Obwohl ich zu keiner Lösung kam, fasste ich doch Hoffnung. Ich war plötzlich überzeugt, dass Albrego mich retten würde. Irgendetwas war mit Albrego, und dieses Gefühl, das mich warm durchströmte, sagte mir, dass er mich retten würde, egal, was morgen Mittag auf mich warten würde. Er würde mich davor bewahren. Mit dieser Zuversicht schlief ich schließlich ein, und sie wärmte mich trotz der Kälte, die von den kahlen Steinmauern ausging.

Ich schlief lange, länger als ich angesichts der Umstände erwartet hatte. Es war, als wäre ich einfach erschöpft gewesen, so als hätte ich in all der Zeit zuvor nicht richtig schlafen können und erst jetzt, da ich das Gefühl hatte, dass jemand aus meiner Vergangenheit zurückkam, die Sicherheit hätte, richtig zu schlafen. Es war ein schönes Gefühl.
Die Sonne stand schon hoch und die Lichtsäule in meiner Zelle stand steil empor, als das Klirren von Schlüsseln mich weckte. Der Hauptmann, der mich gestern abgeführt hatte, stand jetzt in meiner Zelle. Er sah mich nur an, eine ganze Weile lang. Dann huschte kurz etwas über sein stolzes, starres Gesicht und er seufzte. Doch es war zu schnell verschwunden, als man es greifen konnte.
„Fräulein Azkandira, Ihr werdet gebeten, euch zu reinigen“ Er winkte kurz hinter sich und jemand trug einen gefüllten Waschzuber herein. „zu kämmen und dieses hier anzulegen.“ Ein weiterer seiner Soldaten kam herein, und er trug auf den Armen das schönste Kleid, das ich je gesehen hatte. Es war einer Fürstin gerecht. Oben auf dem Kleiderbündel lagen ein Kamm und ein glänzendes Stück Seife. Der Soldat, der es getragen hatte, stellte sich auf der anderen Seite der Tür hin und hielt das Gewand vor sich wie eine Zofe. Der Hauptmann entbannte mit einem kleinen Schlüssel die Fesseln. Sie fielen zu Boden, wanden sich einen Moment lang wie Würmer und verschwanden dann.
Ich wartete, doch nichts geschah. „Los!“, rief der Hauptmann. Ich starrte ihn an. „Aber sicher nicht vor euren Augen!“, rief ich erbost. „Unser Befehl lautet….“ „Das interessiert mich nicht!“, rief ich. „Ich habe immer noch ein bisschen Würde in mir, wenigstens das konntet ihr mir nicht nehmen, also werdet den Sitten gerecht!“
„Wir werden nicht gehen.“, sagte er fest. „Befehl ist Befehl.“
„Lüsterne Schweine!“, rief ich. „Dreht euch wenigstens um!“
Und das taten sie dann auch. Dennoch war es ein grauenhaftes Gefühl, mich zu entkleiden, ich fürchtete jeden Moment, sie könnten sich umdrehen und ihre gierigen Augen über mich gleiten lassen. Eher lustlos planschte ich mit dem Wasser herum, ich wollte es so schnell wie möglich hinter mich bringen. Dann nahm ich das Kleid an mich. Es war blaugrün, genau wie meine Augen, fast als wäre es einzig für mich gemacht. Der Stoff glitt nur so durch meine Finger, so fein war er. Die Schürze und die Ärmel waren weiß wie eine Lilie und in den Ellbogen setzte erneut blaugrüner Samt an, um sich in langen Trompeten zu verlaufen. Es lag schwer auf meinen Schultern und es fiel bis über meine bloßen Füße. An Schuhe hatten sie nicht gedacht.
Das Kleid war von schwerem, süßem Parfüm getränkt, dessen Geruch mich auf eine subtile Art an etwas erinnerte, das mit Liebe und Geborgenheit zusammenhing. Mutter
Als ich es übergezogen hatte, was allein gar nicht so leicht war, griff ich nach dem silbernen Kamm. Ich verbrachte lange Zeit mit meinem Haar. Die Oberfläche des Waschzubers diente mir als Spiegel. In Ermangelung von Nadeln steckte ich es mit dem Kamm auf und ließ einige Strähnen lose herunterhängen.
Dann stellte ich mich aufrecht und mit erhobenem Kopf in die Mitte der Zelle und räusperte mich. Alle drei Männer drehten sich mit einem Ruck um und ihre verkrampften Schultern lösten sich. Nein, sie hätten sich wahrscheinlich nicht umgedreht. Doch jetzt starrten sie mich an, als wäre ich eine Erscheinung. „Azmenja…“, murmelte der Hauptmann, doch ehe ich fragen konnte, was er damit meinte, hatte er sich wieder gefasst und fuhr mich grob an. „Mitkommen!“ Erhobenen Hauptes verließ ich mein Gefängnis. Ich wusste, dass ich nicht zurückkehren würde.
Im Burghof erwartete mich eine Überraschung. Eine schwarze, fensterlose Kutsche wartete auf mich, mit vier vorgespannten schwarzen Pferden. Ich wurde geheißen, einzusteigen. Innen war eine Bank, die mit Samt bespannt war. Eine Gaslampe an der Decke erhellte das Gefährt. Ich hatte fast erwartet, dass jemand darinnen wäre, aber ich war allein. Außen wurde der Riegel vorgeschoben, kurz darauf setzten wir uns rumpelnd in Bewegung.
Die Fahrt dauerte nicht lange, dann hielt die Kutsche abrupt. Ich machte mich bereit, stand auf, doch da setzte sie sich noch einmal in Bewegung, sodass ich beinah hinfiel. Das geschah noch einige Male, sodass ich mich wieder setzte und einigermaßen überrascht war, als der Riegel zurückgeschoben wurde.
Jetzt ging es los. Ich war einigermaßen sicher inzwischen, dass ich vielleicht ein bisschen ausgepeitscht würde oder am Pranger stehen müsste. Wenn Albrego es nicht verhinderte.
Die Tür öffnete sich. Ich bemühte mich, den Kopf oben zu halten und die Schultern straff, während ich ausstieg und dabei meine nackten Füße entblößte. Wir waren auf dem Marktplatz von Arnoka und er war voller Menschen. Es schien fast, als wäre die ganze Stadt hierhergekommen, und dabei sah ich nirgends eine Marktbude. Und sie alle schienen gleichzeitig den Atem anzuhalten, als ich aus der Kutsche stieg. Eine breite Gasse aus Menschen stand zwischen mir und… ja, am Ende der Gasse stand ein Scheiterhaufen, wie ich mit stockendem Herzen feststellte. Nein, das konnte nicht sein…! Mein Herz schien einfach aufgehört zu haben zu schlagen, vor schierem Entsetzen. Hatte ich etwas so schlimmes getan, dass ich brennen musste?
Nein, das würde Albrego verhindern, ich wusste nicht warum, aber ich war mir dessen sicher.
Bevor mich die Soldaten unter den Armen fassen oder sonst irgendwie abführen konnten, ging ich aufrecht auf den Scheiterhaufen zu. In mir sah es jedoch ganz anders aus: Ich wand mich vor Angst. Ich ging mit hochgerecktem Kopf und flehte innerlich, dass sich jemand an einem Seil über der Menge herschwingen würde und mich retten und mit sich nehmen würde. Doch ich erreichte den Scheiterhaufen und nichts war geschehen. Er würde kommen, ganz bestimmt.
Ich wollte ihn aus eigener Kraft erklimmen, doch einer der Soldaten hob mich einfach hoch und trug mich die Leiter empor. Andere folgten und ich wurde an den Pfahl gefesselt, diesmal mit normalen Seilen, nicht mit Magiebannern.
Mein Blick schweifte von meinem erhöhten Standpunkt aus über die Menge. Sie waren erstaunlich still. Niemand sprach, niemand tuschelte. Keine Welle der Empörung schwappte mir entgegen, aber auch kein Mitleid. Sie alle sahen mich nur an, mit großen Augen. Beinah, als wären sie zu entsetzt über das, was hier geschah. Ein Scheiterhaufen hatte schon lange nicht mehr in Arnoka gestanden, aber trotzdem war es nichts ungewöhnliches. Die Stille war unheimlich.
Direkt mir gegenüber war ein zweites Podium. Ein einzelner, hochlehniger Stuhl stand darauf. Er war leer. Ozmokaol war noch nicht da. So lange hatte ich wohl noch Gnadenfrist.
Ich lauschte auf Hufgeklapper. Auf einen zornigen Albrego, der diesem Schauspiel ein Ende setzte. Ich konnte den Weg von der Burg nicht einsehen. Ich konnte ja kaum meinen Kopf rühren.
Oder vielleicht würde auch Ozmokaol mich begnadigen, wenn ich nur genug Angst gehabt hatte?
Direkt am Fuß meines Scheiterhaufens kam Bewegung auf. Soldaten postierten sich. Mit Fackeln in ihren Händen. Ich hielt den Atem an. Das konnte doch nicht sein! Das konnte nicht geschehen, das war nur ein Traum! Ich musste etwas tun, sofort! Verzweifelt suchte ich nach der Magie in mir.
Eine scharfe Stimme durchschnitt die Stille auf dem Platz. „Hebt die Fackeln!“, schrie der Hauptmann. Nein…Doch die Soldaten gehorchten. Und immer noch kam kein rettender Engel. Und die Fesseln schnitten so tief in meine Hände, dass keine Magie hindurchfließen konnte. Es musste…
„Legt an!“ Bei diesem Befehl ließ ich die verkrampften Muskeln locker. Meine Kehle war wie verschnürt. Ich hatte die Augen geschlossen. Das taten sie nicht, nein, das konnten sie nicht tun. Ein leises Knistern verriet mir, dass sie es doch getan hatten.
Ich ließ meinen Blick panisch über die Menge gleiten. Irgendwo, vielleicht der, mit dem Hut tief im Gesicht, oder… in diesem Moment sah ich Albrego. Er überragte die Menschen auf seinem Pferd. Seinen Blick hatte er zu mir herübergeworfen und in seinen Augen glänzte die gleiche Panik wie in meinen. Aber wieso? Er war doch hier, um mich zu retten… aber das konnte er nicht. Seine Hände waren auf seinen Rücken gefesselt, seine Füße an die Steigbügel. Er wand sich und versuchte sich zu lösen, doch es ging nicht.
Ich erwiderte seinen Blick und wusste genau, was in ihm vorging. Er suchte wie ich seine Magie, er versuchte verzweifelt, sie zu beschwören.
In diesem Moment lenkte etwas anderes meinen Blick ab. Ozmokaol betrat das Podest, auf seinem Gesicht ein seltsamer Ausdruck. Im ersten Moment wirkte es, als grinse er, doch wenn man genauer hinsah, wirkte es schmerzhaft verzogen.
Inzwischen stand das untere Drittel meines Scheiterhaufens in hellen, verfressenen Flammen. Ich konnte die Wärme spüren.
Die Panik schnürte mir die Kehle zu. Ich sah zu Albrego hin und plötzlich spürte ich es: das Prickeln in mir war erwacht, genau wie in Albrego.
Ich hatte das Gefühl, das Holz unter meinen Füßen würde wärmer. Ich wusste nicht recht, was ich beschwören sollte. Das kalte Feuer hatte meine Hände erreicht. Jetzt spürte ich, wie Wasser von ihnen tropfte, dann wurde es mehr. Doch brachte das etwas?
Zu schnell erschöpfte mich das Wasserheraufbeschwören, es wurde wieder weniger, dann versiegte der Strom. Die ersten frechen Flammenzungen leckten nach meinen Füßen.
Albrego wand sich weiter, dann hatte er seine Hände frei. Er hatte sie hoch über den Kopf erhoben und zwischen ihnen war ein blauer Feuerball von der Größe eines Kürbisses. Auch Ozmokaol hatte bemerkt, was geschah und war auf die Füße gekommen. Albrego sah ihn nicht, er sah nur zu mir. Er warf seinen Ball in meine Richtung, doch Ozmokaols eigene Beschwörung fing ihn ab. Wassermassen brachen über die Menschen, die immer noch stumm und mit aufgerissenen Augen zusahen.
„Vater!“, schrie Albrego. „Du hast den Verstand verloren! Gib sie frei, du kannst sie doch nicht töten, das kannst du doch nicht!“
Ozmokaol schüttelte nur den Kopf. Sein nächster Zauber schoss wie eine fliegende Schlange auf Albrego zu und magische Fesseln legten sich um seinen ganzen Oberkörper.
Mein großer Zeh schmerzte, das Feuer hatte mich erreicht.
Albrego sprengte die Fesseln mit Macht, dass sie nur so flogen. Er war stärker als sein Vater, heute würde er ihn besiegen.
Mit einem wusch stand mit einem Mal mein ganzes, parfümgetränktes Kleid in grellen Flammen und die Panik in mir schwieg plötzlich stille. Auch Schmerzen spürte ich keine. Ich schloss einfach die Augen. Das letzte, was ich sah, waren die Tränen in Albregos Augen, die Tränen um seine Schwester, die er nun zum zweiten Mal verlor, endgültig…

29.11.07 10:23
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(23.9.09 15:28)
SCHREIB SOFORT EINEN VIERTEN TEIL!!!!!




Nigromantia / Website (23.9.09 19:58)
Huch, soll das eine Drohung sein? ;-)

Ich fasse das mal als Kompliment auf, ganz vielen lieben Dank, du machst mich ganz verlegen...

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