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Für eine Handvoll Dreck

Es war inzwischen vollkommen dunkel geworden. Salika saß wie ein Häuflein Elend am Tisch. Gron hatte Tee gekocht. Salika hatte ihn wortlos und verwundert angesehen, als er zielsicher nach den richtigen Kräutern gegriffen hatte. Doch die Vergangenheit existierte für ihn nicht mehr. Es gab nur noch die Flucht und etwas in ihm drängte ihn schon wieder fort. Aber er konnte das Mädchen jetzt nicht alleine lassen.
„Warum hast du ihr nicht geholfen?“, fragte Salika wieder. Sie hatte seit Stunden nicht mehr gesprochen und ihre Stimme klang rau.
Gron drehte sich zum Fenster, auch wenn er dort außer dem grauen Leinenenvorhang nichts sehen konnte. Er spürte Salikas Blick im Rücken.
„Du solltest ins Dorf gehen und Bescheid sagen. Es muss die Glocke für sie geschlagen werden und die Beerdigung vorbereitet werden“, sagte er.


„Warum?“, fragte sie betont.
Er drehte sich wieder um und stützte die Hände auf den Tisch. „Es ist besser für dich, wenn du nichts weißt.“
Sie schnaubte. Dann fuhr sie auf. „Findest du nicht, dass du mir das schuldest, nach allem?“ Sie schüttelte zornig ihre Fäuste. Gron schwieg. „Findest du nicht?“, fragte sie noch einmal. Als Gron weiterhin keine Antwort gab, schrie sie ihn an und schlug auf ihn ein. Er ließ sie eine Weile gewähren, dann fing er ihre Handgelenke und hielt sie fest. Salika zitterte am ganzen Leib. Sie war kurz vor einem Zusammenbruch. Also schlang er seine Arme um sie und drückte sie an sich. Er ging mit ihr rückwärts und ließ sich mit ihr auf den Lehnstuhl sinken. Er wiegte sie hin und her und strich ihr über den über den Rücken. Sie weinte.
Gron fragte sich, was er eigentlich tat. Wie kam er dazu, ein fremdes Mädchen, noch dazu einen solchen Fratz, in den Amen zu wiegen und zu trösten? Doch gegen seinen Willen fühlte es sich gut an.
Nur änderte das nichts daran, dass er anderen Menschen abgeschworen hatte. Er wollte keinen mehr nah an sich heran lassen. Es war nicht richtig, was er tat. Er hätte längst viele Meilen von hier fort sein sollen.

Salika erwachte plötzlich aus einem Albtraum. Aber sofort spürte sie eine Art von Wärme um sich. Es war mehr eine seelische Wärme. Sie spürte Arme, die sich um sie schlossen und einen schlafschweren Kopf auf ihrer Schulter. Nichts davon war unangenehm. Sie ahnte, dass es das war, was man Geborgenheit nannte, doch sie hatte sich nie vorstellen können, dass es so angenehm war. Es fühlte sich einfach nur richtig an. Auch sich enger an Gron zu schmiegen, war nichts Falsches mehr. Sie schlief wieder ein.

Gron erwachte davon, dass der Friede gestört wurde. Der Augenblick hätte viel länger dauern dürfen.
Zuerst konnte er das Geräusch nicht einordnen, es war ein Stampfen und Dröhnen. Dann rüttelte er Salika wach. „Schnell, wach auf, Soldaten!“
„Was?“, fragte sie benommen. Doch dann wurden ihre Augen klar.
„Schnell! Gibt es hier ein Versteck?“
Salika überlegte. „Ja, rauf auf den Dachboden. Die dritte Bohle ist lose von dort kann man sich in den Zwischenboden quetschen. Du musst dich beeilen, man hört hier unten jedes Geräusch!“
Gron zögerte nicht. Aber quetschen war nicht das richtige Wort. Pressen und zwängen traf es eher. Er fürchtete, das Brett nicht mehr über sich zu bekommen. Im selben Moment klopfte es unten. Und er lag noch nicht richtig. Durch die Ritze sah er Salika besorgt zu sich aufschauen.
Die Tür öffnete sich und ein hochdekorierter Soldat trat ein. Gron lag nicht richtig, aber er konnte nur noch hoffen, dass sie nicht nach oben kamen. Jede Bewegung hätte ihn jetzt verraten.
Salika kniete reglos neben dem Bett, in dem sie ihre Mutter aufgebahrt hatten.
„Fräulein!“, rief der Hauptmann. „Ich weiß, dass Ihr mich hören könnt.“
Salika sah auf. „Seht ihr nicht, dass ich trauere?“
Grons Herz begann zu rasen, als er sah, dass mehrere Soldaten die Hütte betreten hatten und in die Ecken schauten.
Salika wurde böse. „Wie könnte Ihr es wagen, während der Totenwache hier einzudringen und mein Hab und Gut zu durchschnüffeln? Habt ihr keinen Funken Anstand im Leib?“
Gron bewunderte ihren Mut. Er fürchtete, die Soldaten könnten sie schlagen, doch der Anführer winkte mit der Hand und seine Schergen verließen das Haus.
„Fräulein, Euer Verlust bekümmert uns sehr. Wir bitten nur um eine Auskunft. Wir suchen einen Mann.“ Er beschrieb Gron. Salikas Gesicht zeigte keine Regung, sofern er das von oben beurteilen konnte. Dann sagte sie: „Ja, den kenne ich.“
Was tat sie? Gron riss die Augen auf und hätte sich beinah verraten.
„Ich habe ihn gestern morgen im Wald getroffen“, fuhr sie fort. „Er hat mich sehr erschrocken. Aber er hat sich nach dem Weg nach Brüningen, das ist hier die nächste Stadt, erkundigt.“
Gron konnte kaum glauben, dass sie ihr das abnehmen würden. Doch sein Glück hielt an. Der Soldat sagte: „Vielen Dank“ und ging mit einer gemurmelten Entschuldigung.

Salika stand sicherlich eine halbe Stunde am Fenster, bevor sie sagte: „Ich denke, du kannst jetzt runterkommen.“ Die Ereignisse hatten ihr mehr Angst gemacht, als sie zeigen konnte.
Oben begann es zu poltern. Es raschelte laut, als Gron mit dem Kopf an ein Kräuterbund stieß.
„Ich denke, jetzt schuldest du mir wirklich eine Erklärung.“
„Ja“, sagte er nur, während er sich an den Tisch setzte. Sie schürte das Feuer und setzte Wasser auf.
„Was ist geschehen?“, fragte sie leise, als sie sich an den Tisch setzte. „Warum suchen sie dich?“
„Weil ich ein Mörder bin.“, sagte er. Sie starrte ihn an. „Ja, so ist es. Aber ich konnte nichts dafür. Ich geriet mit jemandem in Streit. Die Gründe sind nebensächlich. Ich war schließlich so zornig, dass ich nach einer handvoll Schlamm griff und sie nach ihm warf. Ich… ich weiß nicht, was mit mir war, ich war so außer mir.“
Gron verstummte. Er holte tief Luft, seufzte.
„Und dann?“, fragte Salika. „Du willst mir doch nicht sagen, dass du jemanden mit Schlamm getötet hast, oder?“
Gron starrte auf die Tischplatte. „Doch“
„Wie das?“
„Ich… wie gesagt, ich war so wütend. Ich weiß nicht wie, etwas furchtbar heißes durchfuhr mich, nachdem ich den Dreck geworfen hatte. Und er verwandelte sich mitten in der Luft in fingerlange Klingen. Ich wollte das nicht. Aber wenn ich es geschehen gemacht habe, muss ich es ja doch irgendwie gewollt haben.“
Beim letzten Satz hatte er die Hände vors Gesicht geschlagen und durch die Finger geredet. Weint er?, fragte Salika sich hilflos. Erst zögernd, dann immer sicherer streckte sie die Hand nach ihm aus, um ihm Trost zu spenden.
„Und dann? Hat es jemand gesehen?“
„Ja. Ich wurde verhaftet und sollte hingerichtet werden. Denn Menschen wie mich darf es nicht geben.“
Salika starrte ihn an. Unwillkürlich zog sie ihre Hand zurück. Sie konnte nicht glauben, was sie hörte. Das konnte doch gar nicht stimmen.
„Aber ich konnte mit Magie, die ich in meiner Verzweiflung und Panik entfesselte, fliehen. Ich kann immer noch nicht bewusst zaubern. Deswegen fürchte ich so, jemanden zu verletzen. Und das ist das Ende der Geschichte. Seit einem Jahr bin ich auf der Flucht, mit der Inquisition auf den Fersen.“
„Die Inquisition?“
„Hast du ihre Wappen nicht gesehen?“
Salika antwortete nicht. Woher sollte sie denn ein Wappen kennen? Sie war noch nie aus ihrem Dorf gekommen, auch wenn sie kaum mehr als geduldet gewesen waren, Salika und Ariana. Wie sollte es erst werden, jetzt wo ihre Mutter nicht mehr war?
„Wohin gehst du jetzt?“, fragte sie.
„Ich weiß es nicht, Ich suche nach einem Ort, wo ich in Frieden leben kann, ohne dass mir jemand auf die Schliche kommt. Vielleicht in den Bergen. Wo ich niemandem mehr Schaden zufügen kann.“
„Nimmst du mich mit?“
Gron starrte sie an. Dann stand er auf und griff nach seinem Bündel. „Nein, auf keinen Fall.“
„Bitte“, flüsterte sie verzweifelt. „Was soll ich noch hier?“
„Es geht nicht, Salika, sieh es bitte ein. Es wäre viel zu gefährlich, mit mir zu reisen und zu leben.“

Gefasst brachte Salika ihn zur Tür. Dort gab sie ihm einen Kuss auf die Wange. „Darf ich dir ein Versprechen abnehmen?“
„Es kommt darauf an, welches“ Er konnte sich an nichts binden.
„Wenn du diesen Ort gefunden hast, kommst du dann, um mich zu holen?“
Schweigend gab Gron ihr einen Abschiedskuss auf die Wange. Dann stapfte er zügigen Schrittes los und war bald im Wald verschwunden. Dort wischte er sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. Noch nie hatte ein Abschied so geschmerzt.

Er sah sich nicht um, und er sah nicht mehr, wie Salika von verzweifelten Schluchzern geschüttelt im Türrahmen zusammenbrach.

13.12.09 20:36
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(23.9.09 14:57)
Wow cool. Ehrlich-ich würde zugerne wissen wie es weietrgeht! Ich hasse Geschichten ohne Happy End! aber ich mag deine Geschichte-und es ist ja auch nur eine kurzgeschichte! aber echt gut dafür!


Nigromantia / Website (23.9.09 19:54)
Hallo Unbekannte(r),

Ich freue mich sehr über Deinen Kommentar.

Eigentlich bin auch auch Happy-End-Harmonikerin ;-) In meiner Vorstellung zieht Salika fort und nach einigen Jahren trifft sie Gron weiter und sie leben glücklich bis an ihr Ende in einer einsamen Hütte im Gebirge. So oder ähnlich ;-) Man kann sich ja einfach was vorstellen wie es weitergeht, denn das Leben endet erst mit dem Tod und Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. ;-)

Liebe Grüße und Dankeschön von Nigromantia

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