Startseite
    Fremde Gefühle
    Inhalt
    Rezensionen
    - Kurzgeschichten:
    Das Traumgefängnis
    -- Prolog
    Der verlorene Sommer
    Tautropfen und Vagabund (2-tlg)
    -- Gultblatt und Graugeis
    -- Für eine handvoll Dreck
    Grabwächter
    Der schwarze See
    Traumscherbe
    Kaltes Feuer (3-tlg.):
    -- Vergessen
    --Erinnern
    --Feuer
    Die grünen Augen
    Weihnachtsgeschichten
    Kassandraschreie
  Über...
  Gästebuch
  Kontakt
 


 
Links
   Tolle Schreibtipps
   Meine liebste Schreiberseite!
   Gedichte und Gedankenvon Lytz
   Denekros Blog

http://myblog.de/nigromantia

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Der verlorene Sommer

ca. 1,5 Seiten, ca. 900 Wörter

 

 

Am Graben stand er wieder. Sein Blick war tief in das Rinnsal versunken. Obwohl er nur dastand, mit seinem langen Mantel, machte er mir Angst. Ich musste jeden Morgen an ihm vorbei. Und schon manches Mal hatte ich mich gefragt, ob er festgewachsen war. Doch ab und zu blickte er hoch zum ständig trüben Himmel, als suchte er etwas. Warum er mir Angst machte wusste ich nicht, denn er tat nichts. Er grüßte mich nicht, drehte sich nicht einmal um. Er stand nur da und schien nicht einmal zur selben Welt zu gehören wie ich. Trotzdem war mir, als weckte sein Anblick etwas in mir. Etwas, das ich unterdrücken musste, weil es nicht gut war, und nicht sein durfte.

Dieser Morgen war trüb, klamm und kalt, wie jeder der dreizehn vergangenen Novembertage. Schon als ich das Haus meiner Eltern verließ, spürte ich, dass etwas nicht stimmte. So ein Unsinn…

Zumindest nennen meine Eltern es Haus, Forsthaus sogar, ich nenne es verdammte Dreckshütte. Warum hatten wir auch hier hinaus ziehen müssen? Meine Eltern nennen es romantisch und wo sich Hase und Fuchs gute Nacht sagen. Ich aber…

War das ein Knacken hinter mir auf dem Waldweg? Hastig wandte ich mich u. Folgte mir jemand? Doch jetzt blieb der halb verfrorene Wald still.

Jedenfalls, ich nannte es, wo man nicht tot über dem Jägerzaun hängen wollte.

Fröstelnd zog ich die Jacke enger um mich. Nein, ich hatte nicht schon wieder etwas gehört.

Zwei Klometer lief ich bis zur Bushaltestelle, jeden Morgen. Früher hatte ich direkt neben der Schule gewohnt. Früher, als vieles anders gewesen war. Früher, doch irgendwie hatte früher nun einen bitteren Beigeschmack. Doch ich wusste nicht, warum. Es war doch alles besser gewesen, bis wir in dieses Nest gezogen waren. Bis zum letzten Sommer, seitdem meine Eltern jeden meiner Schritte überwachten. Wo war er nur geblieben, dieser Sommer. Er kam mir so kurz vor.

Krah!

Erschrocken fuhr ich zusammen und drehte mich um. Ein schwarzes Vieh stob auf, nein, nur ein Rabe. Nur ein Rabe.

Ich schlug den Jackenkragen nach oben, weil ich trotz meines Halstuchs fror, Warum hatte ich auch unbedingt einen Rock anziehen müssen?

Ich hatte den Waldrand erreicht. Gleich müsste ich ihn sehen können.

Ein schwarzer Schatten – nein, nur der Rabe – flog dicht an meiner reichten Schulter vorbei. Hätte ich es in dieser diesigen Novemberstille gewagt, laut zu sein, hätte ich ihm nachgeschimpft. Das Vieh hatte mir an diesem Morgen einen Schrecken zu viel eingejagt…

Außerhalb des Waldes begann auch noch Nebel aus dem Graben heraufzuziehen. Die feuchte Kälte fraß sich durch meine Kleider.

Am Graben, ein Stück weiter, stand er wieder. Auf seiner Schulter saß der Rabe. Und heute, in diesem Augenblick, drehte der Mann sich zum ersten Mal den Kopf. ‚Nein, nicht!’, dachte ich noch, ohne zu wissen warum. Mein Herz krampfte sich zusammen. Dann seine Augen. Der Druck auf meinem Herzen stieg unermesslich an, als würde es gleich zerplatzen, wenn es nicht wieder schlagen dürfte. Dann fiel ich in seine Augen.

Grelle Blitze zucken in wildem Takt um mich herum. Ich werde von ihnen geschlagen, mich mal in die eine, mal in die andere Richtung zu winden. Dann kommt er auf mich zu, ein Licht hinter ihm lässt ihn strahlen wie die Sonne. In seinen Händen funkelt etwas kristall-bunt. Ich nehme es…

Ich liege auf einer weichen Unterlage und ER ist neben mir. Er streichelt zärtlich mein Gesicht und pure Wärme fließt durch meinen Körper. Sie glänzt wie Gold. Reines Glück. Seine Küsse gehen mir durch und durch. Ja, einer sogar wörtlich. Einer geht durch meinen Hals, und ich kann nicht schreien vor Entsetzen und Angst. Um mich ist Dunkelheit. Ein Knacken ertönt. Etwas in mir ist zerbrochen, denn um mich ist ja nichts.

Die Bilder beginnen, sich haltlos, zeitlos, rasend zu drehen. Schwimmbad, Badesee, Küsse, Lachen, Streit, Kino, Tränen, Schmerz. Es sind keine Bilder mehr da. Nur das entsetzliche Gefühl bleibt zurück, etwas sei tief aus meinem Inneren gerissen worden.

Noch bevor ich die Augen öffnen konnte, verloren meine zitternden Lippen etwas, was sie schon längst verloren geglaubt hatten: „Lysander“.

Und noch etwas war zurück: Das Gefühl, einen Stein auf der Brust liegen zu haben, so schwer, dass er mich lähmte. Ganz starr, lebensstarr.

Er sah mich nur an, wie hatte ich diese Tiefe seiner violettblauen Augen vergessen können, wie hatte ich das alles vergessen können?

Er öffnete seine Arme, doch ich wusste, wenn ich hineinsinken würde, wäre es mein Untergang.

„Die Monate waren so lang“, sagte er. Ich sah zu Boden. „Ich musste dich sehen, ich musste wenigstens sehen, wie es dir geht.“ Es sah fast bizarr aus, wie er immer noch mit offenen Armen dastand. „Aber ich habe versagt .Ich habe den Vergessenszauber gerochen, indem ich dich angesehen habe.“

Ich musste die Augen zupressen. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, in einer Geschwindigkeit, die sein Pochen fast zu einem Ton machte.

„Ich wusste eh nicht, wie ich den Gedanken ertragen sollte, dich nie wieder direkt anzusehen… Lilli, sag doch endlich was!“

„Nein“, brachte ich zwischen meinen eisigen Lippen hervor. Mechanisch wie ein Roboter drehte ich mich um.

„Lilli, nicht! Geh nicht. Ich werde dich nicht noch einmal gegen deinen Willen beißen. Oder verwandeln.“ Er griff nach mir, doch dann hielt seine Hand einige Zentimeter über meiner Schulter inne. Hätte er mich berührt, wäre es um mich, um mein Leben geschehen gewesen.

Mir blieb also nichts, als mich endgültig abzuwenden und auf meinen zitternden Knien davonzugehen.

 

 

 

 

1.9.09 16:42
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung