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Harmonische Weihnachten

Informationen: ca. 1010 Zeichen, etwas über 2 Seiten.

Die Geschichte entstand mal für einen Weihnachtswettbewerb. Vorgabe war, dass nicht "Weihnachten" und "Geschenke" vorkommen durfte und vorkommen mußten: "Pulswärmer", "Blumenknospe", "Navigationsgerät", "Feueralarm" und "Wachstum". Der Titel hieß ursprünglich laut Regeln "Weihnachten, das Fest der Harmonie."

 

Aber jetzt viel Spaß, ist lustig! 

 

Heiligabend, sechzehn Uhr siebenundzwanzig:

„Juuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuhuuu!“

Erschrocken schaute ich mich auf dem Bahnhof um. Doch es war kein Feueralarm und es war auch kein Schiff im Gleis gestrandet, das jetzt sein Nebelhorn ertönen ließ. Aber das erleichterte mich nicht gerade.


Bahnsteig drei war leer, beinah jedenfalls. Leer bis auf das Unvermeidliche. Da kam er auf mich zu, der Watschelgang des Grauens.
Tante Hilde schob ihre im Wachstum begriffenen geschätzten drei Tonnen über den Bahnsteig. Sie war gut einen Meter neunzig groß und fast genauso breit. Ihr grüner Mantel und ihr rosa geroster Schal flatterten energisch um sie.
Chriiiiisiii! Christiaaan!“, nebelhornte sie.
Dann war das Grauen über mich gekommen. Hilde packte mich bei den Ohren, als wollte sie mir den Kopf abschrauben, und schmatze mir die feuchten Lippen auf die Stirn. Sie presste mich an ihren Busen. Mein Sichtfeld schränkte sich rasch ein, bis ich nur noch das Blumentuch sehen konnte. Meine Nase ertrank in einer Blumenknospe. Ihr Parfüm brachte mich an den Rand einer Ohnmacht.
„Schöööön!“ Meine Rippen! „Und endlich werde ich Schenni kennen lernen!“
„Sie wird sich freuen.“
„Und eure neue Wohnung!“ Genau das war ja das Problem. Jenni und ich hatten uns so auf das erste Fest in der ersten gemeinsamen Wohnung gefreut. Nur wir zwei!
„Komm, Junge, nimm den Koffer. Aber lass ihn nicht fallen, da sind Überaaaschungen drin!“

Sechzehn Uhr fünfzig:

Ich schloss genervt die Wohnungstür auf. Hinter mir schnaufte ein Walross die Treppen hinauf.
Was nutzte es, fünf Minuten vom Bahnhof entfernt zu wohnen, wenn jeder Idiot am Heiligen Abend noch in die Stadt fahren mußte, wo alle Läden geschlossen waren? Um im Kreisel herumfahren?
Ich hängte mich an Jenni wie ein Ertrinkender.
„Es wird schon“, flüsterte sie.
„Das sagst du so“, flüsterte ich zurück. „Im Auto hat sie die Weihnachtssongs mitgesungen!“
„Lass sie, es ist Heiligabend.“ Dann sagte sie mit ihrem schönsten Haifischlächeln: „Guten Tag, Frau Schulze-Gerber-Kosinsky. Hatten Sie eine angenehme Reise?“
„Ach was, Schätzchen, lass die Formalitäten!“, trötete mein Tantchen. Im nächsten Moment verschwand die kleine Jenni in den Tante-Hilde-Massen. „Schenni! Wie schön!“
Nach dieser rührenden Begrüßungsszene – in Stereo für die Nachbarn – begann die Katastrophe endgültig, ihren Lauf zu nehmen.
Hildchen packte in unserem Schlafzimmer aus. Jenni und ich würden im Wohnzimmer nächtigen. Und für jeden Pieks, den mir diese heimtückische Tanne noch versetzen würde, würde ich Tante Hilde verantwortlich machen. Warum hatte Jenni mich auch keine Nordmanntanne kaufen lassen?

Siebzehn Uhr dreißig:

Der weihnachtliche Frieden hätte nun endlich einkehren können. Tante Hilde hatte sich hingelegt. Nicht ohne vorher noch mehr Trubel zu stiften. „Habt ihr denn nichts Vernünftiges zu trinken?“ Neumodisches Zeug wollte sie nicht. Sie hatte mich genötigt, die Tankstellen und Kioske abzuklappern. Also betrachtete ich jetzt schicksalsergeben die dritte Version dieses Schildes: „Am 24. 12. schließen wir bereits um 16:00 Uhr“
Ich presste die Lippen aufeinander, um nicht zu schreien. Aber sie würde ihr „Likörchen“ bekommen!
Dabei hatte ich Jenni eigentlich versprochen, ihr beim Festmahl zu helfen. Entenbrust und Klöße sollte es geben. Und Herrenkrem, brrrr!

Achtzehn Uhr zehn:

Stolz wie ein Neandertaler kam ich heim. Mein erlegtes Jagdgut: eine Flasche Himbeergeist.
Wo wir vom Jagen reden: Jenni wirkte inzwischen wie ein angeschossenes Reh. Aber das Essen war fertig. Hilde stand am Esstisch und beäugte skeptisch unser Geschirr, als wäre ein Fleck darauf: „Eckige Teller?“
„Das ist modern“, wandte ich rasch ein. „Setz dich!“ Ich betätigte den Kippschalter für den Christbaum.
„Nein, erst die Präsente!“
„Dann wird es kalt!“, knirschte Jenni zwischen den Zähnen hervor.
„Kannst du kein Essen warmhalten, Kind? Wo ist mein Likörchen, Junge? Erst stoßen wir an.“
Mit gewissem Stolz überreichte ich ihr die Flasche Himbeergeist. „Bah!“, sagte sie. Sie klappte ihren riesigen Handtaschenbeutel auf. Drei Pakete kamen zum Vorschein. Zwei waren klein und eins war groß und verdächtig flaschenförmig. „Frohes Fest“, dröhnte Tante Hilde, dass man es noch drei Stockwerke unter uns hören würde.
Jenni und ich bekamen jeweils ein kleines Päckchen. „Und das ist für mich! Man muss ja vorsorgen.“ Sie lachte dröhnend. Mit der Flasche Eierlikör ging sie auf die Suche nach Schnapsgläsern. Jenni bekam eine Flasche Deo aus dem Supermarkt. Mit einem Zitronenlächeln sagte sie artig danke. Mich überkamen böse Vorahnungen.
Ich packte langsam aus. „Was ist das denn?“, fragte ich und hielt etwas grau-grün gestreiftes, wollenes hoch. Es sah aus wie Socken, nur ohne Füße.
Tante Hilde kniff mich in die Wange. „Das sind Pulswärmer, mein Junge. Selbstgestrickt.“
„Aber…“ Sogar ihr Schnaps war teuerer gewesen. „Wir haben uns doch eine Anzahlung aufs Navi gewünscht! Für Frankreich nächsten Sommer.“
„Ein Navigationsgerät ist teurer Schnickschnack!“ Damit war das Thema für Hilde erledigt. Für mich nicht. Dafür nahmen wir sie auf!
„Die Ente ist zäh!“, klagte Tantchen zwischen zwei Bissen. Jenni murmelte etwas, das wie „bringdichum“ klang.
Danach schwiegen wir lieber. Zwischen den Gängen genoss Hilde einen Eierlikör.
Während ich in meiner Herrenkrem herumstocherte, fragte meine Tante: „Schenni, meine Schwester hat mir erzählt, dass Chris hier alles bezahlt hat. Wann willst du denn endlich eine Arbeit suchen? Oder willst du noch ewig studieren…?“
Ich wollte auf den Tisch hauen, um zu simulieren, dass ich die Frage gar nicht gehört hatte, zusammen mit einem Satz wie: „Was macht dein Canasta-Club, Tantchen?“
Dazu kam es nicht. Ich hatte die Kante meines Schälchens erwischt.
Es sprang hoch wie von der Tarantel gestochen.
Nach einem eleganten Salto flog es verkehrtherum über Tante Hildes Dauerwelle hinweg. Dort wurde es etwas leerer.
Ihm gelang eine weitere Vierteldrehung, bevor es mit einer Christbaumkugel kollidierte.
Nach dem spitzen Klirren trat absolute Stille ein. Ich dachte, dass ich besser eine Weihnachts-CD eingelegt hätte.
Dann zischte Jenni: „Wenn du es nicht magst, kannst du es auch einfach stehen lassen!“
Ich wollte aufbrausen.
Tante Hilde fing schallend an zu lachen.
„Sei ruhig!“, schrie Jenni.
„Schrei sie nicht an!“, schrie ich.
„Scheißweihnachten!“, schrie sie zurück.

Neunzehn Uhr:

Jenni hatte schweigend und mit Tränen in den Augen die Scherben aufgesammelt. Ich hatte die Spülmaschine eingeräumt. Jetzt saßen wir auf den entferntesten Punkten des Dreiersofas.
Nur Tante Hilde schien glücklich. Sie nahm das Zweisitzersofa ein. Eierlikörselig und mit Puddingresten im Haar sang sie vor sich hin: „Schingel Bells, Schingel Bells…“

9.12.09 12:18
 


bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


girlsgarden / Website (17.12.09 16:40)
Sehr geil ;-D grad hatt ich noch schlechte Laune...


Nigromantia (17.12.09 22:15)
Danke! Freut mich!


girlsgarden / Website (18.12.09 10:22)
Wow, bei euch gings ja auch ab im Studium :-o
Anstehen und dann vielleicht wieder nachhause fahren müssen, nee das geht ja mal garnicht! Genauso die Sache mit deinem Zeugnis. Bah!!!

Deine Vermutung mit Berufsakademie stimmt übrigns :-) aber wir bekommen neben dem Stundenplan auch jede Menge Tritte von oben. Nur eine Wiederholung möglich und wenn dann nochmal durchgefallen ist man raus. Monatelange Korrekturdauer und eMail Anfragen werden garnicht erst beachtet. Ein Jahr Stoff wird in ein halbes Jahr gequetscht und die Prüfungen sind unmenschlich. Zu wenig Zeit, jeder Prof quetscht eine riesen Aufgabe mit Anforderungsbereich 3 rein und die Nachprüfungen werden noch schwieriger gestaltet, damit man garnicht erst in Versuchung kommt. Das man die dann erst recht nicht besteht und die Sachen packen kann, erfährt man dann erst Monate später, Profs sind halt schwer beschäftigte Menschen, müssen schließlich nebenbei noch wichtige Bücher schreiben, die sie dann in die Literaturliste schreiben können, um sich ein bisschen dazu zu verdienen ;-)

Ach schon sehr geil.

Freu mich schon auf weitere Geschichten, man schreibt sich :-D

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